Made in Ticino

Wer das Tessin nur auf eine Postkartenidylle reduziert, wird dem Kanton nicht gerecht. Seine Facetten reichen vom glamourösen Filmfestival bis zu Hightech-Start-ups. Ein Treffen.

Es ist früh am Morgen, der Zug rast aus dem Tunnel. Das Tessin ist 30 Minuten nähergerückt – Gottardo sei Dank. Magnolien, Kamelien und Forsythien ziehen vorbei. Frühling im Tessin. Blauer Himmel, blauer Lago Maggiore. So, wie wir unsere Schweizer Sonnenstube kennen und lieben. Nur: Wie gut kennen wir sie wirklich? 

Innovation statt Klischee

«Das Tessin wird oft unterschätzt und verniedlicht», sagt Marco Solari (72), Präsident des Locarno Festivals. «Wir sind mehr als ein folkloristisches Juhu-Anhängsel der Schweiz!» Dass die Deutschschweizer unseren Südkanton für seine schönen Seen, Täler und das mediterrane Klima lieben, stört den ehemaligen Tourismuspräsidenten nicht. Er will das Tessin aber nicht darauf reduziert haben. Besonders ärgert ihn, wenn Leute den Latiner-Stereotyp «dolce far niente» heraufbeschwören. «Viele denken, die Tessiner seien in permanenter Ferienstimmung.» Dabei passiert im Tessin enorm viel Innovation.» Innovation, die auch vom Gotthard-Basistunnel Schub erhält. Man denke nur an das Forschungsinstitut für künstliche Intelligenz IDSIA, das Hochleistungs-Rechenzentrum des Centro Svizzero di Calcolo Scientifico CSCS, das Cardiocentro mit dem SIRM-Institut, die Università della Svizzera Italiana, oder an die neuen Industriezonen um Lugano, in Biasca und im Mendrisiotto. 

Eine, die diese Innovation lebt, ist Nicoletta Casanova (46), CEO eines Start-ups. Die Ingenieurin trifft Marco Solari 
auf der Piazza Grande – dem Ort, wo in wenigen Wochen das weltbekannte Filmfestival startet. Kultur und Tessin – das passt zusammen! Aber das Potenzial ist damit nicht ausgeschöpft. 

Der Calimero-Komplex

In Lugano sind heute Forschung, Universität, Technologie, Zukunftsglaube und Unternehmertum vereint und präsent. Zudem liegt das industrielle Ballungszentrum Milano vor der Türe. «Dort geniessen wir einen ausgezeichneten Ruf, dank unseren typisch schweizerischen Tugenden», sind sich Casanova und Solari bei einem Kaffee auf der Piazza einig. Damit das Tessin nicht lediglich zum «Durch-Zugs-Ort» zwischen dem Norden und Milano verkomme, gelte es nun, diese glücklichen Umstände zu nutzen. «Alles ist da. Nun müssen wir Tessiner aber unseren Calimero-Komplex abstreifen – diesen ewigen Minderwertigkeitskomplex», sagt Marco Solari in Anspielung auf das schwarze Entlein mit Eierschale auf dem Kopf aus der gleichnamigen Trickfilmserie. Es fühlt sich immer vergessen und benachteiligt. 

Nicoletta Casanova ist der Calimero-Komplex fremd. «In meiner Familie gibt es viele Unternehmerinnen. Schon meine Urgrossmutter war Hoteliere», erzählt sie. Casanovas Firma Femtoprint ist in einem Industriequartier in Muzzano einquartiert, zehn Fahrminuten von Lugano. Femtoprint hat zurzeit ein Dutzend Mitarbeitende und ist Casanovas zweites erfolgreiches Start-up. Vorher hat die CEO an der ETH Zürich Bauingenieurin studiert, zwei Firmen in Lugano und eine in Paris geleitet und auch in Montreal gearbeitet. Ein Start-up im Tessin – ist das nicht zu weit ab vom Schuss? «Wir machen weltweit Business, da ist der Standort nicht mehr so entscheidend.» Nicoletta Casanova spricht neben Italienisch auch fliessend Deutsch, Französisch, Englisch – täglich. 

Immenses Potenzial

Casanovas Start-up stellt klitzekleine Bauteile aus Glas und anderen Materialien her – mittels 3D-Druck, Laser- und Ätztechnik. Diese magischen Teilchen landen etwa in Armbanduhren, Laborgeräten, Mikrokathetern oder Implantaten. Weltweit. Mit wachsender Nachfrage. Für die Fotos werden die offenen Maschinen eiligst geschlossen. Vieles ist hier brandneu am Entstehen und unbedingt vertraulich. Die Konkurrenz schläft nicht. Alles würde sofort kopiert. 
Viele italienische Unternehmer lassen sich in dieser Gegend nieder. Die Administration sei hier viel einfacher, erzählt Nicoletta Casanova: «Sie bringen Dynamik ins Tessin. Das steckt an, weckt uns und spornt uns an.» Sie beobachte, was norditalienische und globale Unternehmer machen. «Das können wir auch! Wenn wir hier im Tessin die Fantasie und die Kreativität aus Norditalien mit dem schweizerischen Arbeitsethos kombinieren, dann ist unser Potenzial immens.» Zwar wandert so manch junger, innovativer Kopf aus dem Tessin ab. Aber viele kehren wieder zurück. Wie einst Marco Solari. Wie Nicoletta Casanova: «Der Kanton unternimmt viel, um Brain zurückzuholen, die Wirtschaft und Start-ups zu fördern.» Auch die 65 000 Grenzgänger sind für neue Industrien enorm wichtig. «Dank ihnen finde ich genügend hoch qualifizierte Arbeitskräfte. Wir suchen sehr spezifische Profile. Die gibt es nicht alle in der Schweiz. Zudem bietet das Tessin eine hohe Lebensqualität – das zieht wertvolle Mitarbeitende an», sagt Casanova. 

Das Tessin ist international. Und wirtschaftlich erfolgreich. Lugano ist der drittgrösste Finanzplatz der Schweiz. Der Industriesektor hat mittlerweile den Tourismus überholt. «Das wird in der übrigen Schweiz noch nicht wahrgenommen», so Casanova. Daran müssen sich auch die Einheimischen noch gewöhnen, sagt Marco Solari. Der Tessiner war bisher kein Unternehmer. Sogar im Tourismus waren eher Deutschschweizer massgebend. Erst jetzt bricht hier die Unternehmerphase an.

Die Mischung machts

Das internationale Locarno Festival hat den Calimero-Komplex längst abgestreift – wenn es denn mal einen hatte. Das Festival gibt es schon fast so lange, wie es Filme gibt, und es gehört heute zu den zehn wichtigsten Filmfestivals der Welt. Als Festival des unabhängigen Autorenfilms hat es sich weltweit einen Namen gemacht. Im August gibt sich auf der Piazza Grande jeweils die nationale und internationale Film- und Kulturszene ein Stelldichein. Auch Politiker, Bundesräte, Wirtschaftskapitäne, Künstler, Diplomaten treffen hier aufeinander. Marco Solari hat das Filmfestival im Jahr 2000 als Präsident übernommen und aus der Krise geführt. Heute hat der Event ein Budget von 13 Millionen Franken und über 160 000 Zuschauern. «Jeder investierte Franken bringt drei bis vier Franken in die Region zurück», sagt Solari zur ökonomischen Bedeutung. 

Sein Erfolgsrezept? «Ich habe meine langjährigen Erfahrungen aus Zürich nach Locarno gebracht. Wir führen das Locarno Festival wie ein Zürcher KMU.» Neben dem calvinistisch-zwinglianischen Deutschschweizer Arbeitsethos macht Solari für den Erfolg aber auch eine kulturelle Eigenart der lateinischen Gesellschaft verantwortlich: «Das Tessin hat immer den Jungen eine Chance gegeben. Die Alten vertrauen den Jungen und übertragen ihnen Verantwortung. Die Jungen wiederum respektieren die Alten und legen Wert auf deren Erfahrungen.» Auch Fehler müssen Platz haben. Sonst unterbinde man Initiative und Kreativität.

Eine solch grosse kulturelle Veranstaltung kann nicht ohne öffentliche und private Unterstützung auskommen. Neu gehört die Mobiliar zu den Hauptpartnern. «Wir sind kein Elite-Event mit überhöhten Eintrittspreisen», sagt Solari. Alle Interessierten sollen das Festival besuchen können. Der Studentenpass für zehn Tage Festival inklusive Piazza Grande kostet nur 110 Franken. «Dazu benötigen wir ähnlich sozial ausgerichtete Partner. Die Mobiliar war unsere Wunschpartnerin.» Sie anerkenne mit ihrem Engagement die Bedeutung des Tessins und nehme eine Funktion als Brückenbauerin zwischen den Landesteilen wahr. Solari freut sich auf die neue Talkreihe «Locarno Talks La Mobiliare» – eine Initiative der Mobiliar und des Festivals. «Sie sind für mich exemplarisch für eine Mobiliar, die hier lokal handelt, aber global denkt.» Eine Denkweise, die sowohl für ihn als auch auf Casanova zutrifft.

Es wird Abend. Zeit, die Heimreise durch den Tunnel anzutreten. Ein Tagestrip ins Tessin – das ist jetzt möglich. Noch schöner ist es, hier zu verweilen. 

Autorin: Susanne Maurer
Fotografin: Iris Stutz und zvg