Nominationskomitee für den Prix Mobilière 2027
- Andrea Bellini, Direktor Centre d'Art Contemporain Genève
- Fanny Hauser, Direktorin Kunsthalle Zürich
- Stefanie Gschwend, Direktorin Kunstmuseum / Kunsthalle Appenzell
- Niklaus Güdel, Direktor des Musée de Pully und der Fondation Ferdinand Hodler, Genf
- Yves Netzhammer, Künstler, Zürich
- Giada Olivotto, freiberufliche Kuratorin und Co-Leiterin Sonnenstube, Lugano
- Marlene Wenger, Programmleiterin Haus der Elektronischen Künste, Basel
Die Nominierten 2027
Stefania Carlotti (*1994, lebt und arbeitet in der Schweiz, Frankreich und Italien)
«Stefania Carlottis künstlerisches Schaffen gleicht dem Ritt einer zeitgenössischen Cowgirl-Figur, die auf der Suche nach tief im kollektiven Imaginären verankerten Artefakten durch den Kapitalismus galoppiert. Objekte, Details und Formen der Popkultur werden gesammelt, reproduziert und transformiert, bis sie ihre ursprüngliche Funktion verlieren und ein neues narratives Potenzial entfalten. Mit präziser, ironischer und wild femininer Ästhetik hinterfragt Carlotti die Grenzen zwischen Konsum und Begehren, Aneignung und Produktion. Glitzernde Nagellacke, üppige Tortenglasuren, hohe Absätze, Pop-Melodien und sich aufbäumende Rösser werden zu Werkzeugen, mit denen Räume der Wiedererkennung und der Möglichkeiten geschaffen werden. Ihre Praxis lehnt zeitgenössische Codes nicht ab, sondern reitet auf ihnen und erfindet sie neu. So entstehen eigenständige Formen des Ausdrucks und des Widerstands.»
Giada Olivotto

Elise Corpataux (*1994, lebt und arbeitet in Freiburg)
«Elise Corpataux studierte an der École cantonale d’art in Lausanne sowie an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel. Sie gehört zu einer Generatio n von Künstlerinnen und Künstlern, die das Imaginäre wieder ins Zentrum ihres Schaffens rückt. Ausgehend von Kindheitserinnerungen wirft sie einen leicht verrückten Blick auf die Welt. Ihre Arbeit kreist um nostalgische Gefühle – Verliebtsein, die Sehnsucht nach sich selbst und nach anderen, die Vorstellung eines bewusst kitschigen Amerikas –, die sie in ihrem Werdegang geprägt haben. In ihren bewusst bizarr gerahmten figurativen Malereien bekennt sich Elise Corpataux unverhohlen zu filmischen und künstlerischen Einflüssen, zitiert Jenny Holzer, Ed Ruscha und Nan Goldin. Sonnenuntergänge, Küsse und Momente des Innehaltens beschwören mit demonstrativer Unbekümmertheit eine spezifische Form der für die 1990er-Jahre typischen Unschuld herauf. Ihre zugleich gestische als auch geometrische Technik erinnert in ihrer Kombinationsfreude an Collagen. Elise Corpataux versteht ihre Malerei als zeitgenössische Erneuerung der figurativen Kunst. Mit feiner Ironie richtet sie den Blick auf das, was uns Menschen ausmacht. In einer Welt, die zunehmend aus den Fugen gerät, erscheint diese Distanz unentbehrlich, um das Träumen nicht zu verlernen.»
Niklaus Güdel

Inner Light (*2018, Genfer Kollektiv; Hauptmitglieder:innen: Kim Coussée (*1994), Eliott Villars (*1995), Gaia Vincensini (*1992))
«Inner Light ist ein Genfer Kollektiv, das die Schnittstellen zwischen zeitgenössischer Kunst und Mode intelligent und mutig auslotet. Mit einer hybriden Praxis aus Performance, Textilgestaltung und Installation hat das Kollektiv eine unverwechselbare Bildsprache entwickelt, in der Kleidung sowohl zum künstlerischen Medium als auch zum erzählerischen Element wird. Die Arbeiten setzen sich mit Identität, Transformation und Wahrnehmung auseinander und schaffen immersive Erlebnisse, die klassische Ausstellungsformate neu denken und erweitern.
Charakteristisch für Inner Light ist die Fähigkeit, Räume und Körper gleichermassen einzubeziehen und daraus lebendige, häufig kollaborative Arbeiten entstehen zu lassen, die das Publikum unmittelbar einbinden. Ihr künstlerischer Ansatz steht exemplarisch für transdisziplinäres Arbeiten und neue Formen kollektiven Schaffens.
Mit der Nominierung von Inner Light für den Prix Mobilière 2027 wird eine innovative, inklusive und resolut zeitgenössische künstlerische Vision unterstützt, die ihre Wirkung in unterschiedlichsten kulturellen Kontexten entfaltet und die etablierten Grenzen zwischen den Disziplinen neu definiert.»
Andrea Bellini

CATALOGUE, Centre d’Edition Contemporaine, Geneva, 2026. Pictures by Thea Giglio
Schahed Javanbakhsh (*1993, lebt und arbeitet zwischen Zürich (CH) und Kopenhagen (DK))
«Schahed Javanbakhsh ist ein Künstler, der sich intensiv mit Bedeutungssystemen beschäftigt. Bedeutungssystemen, die nicht belehren und auch nicht einfach zugänglich sein sollen. Seine Skulpturen formt er mit alten Techniken und zeitgenössischen Apparaten, die durch ihre Mechanismen und Materialität parallele Erzählebenen allegorisch aufzeigen. Bei der Arbeit «pulsators» streicht eine massive Holzschablone eine Glocke aus gelochtem Stahl, staubt sie in nicht wahrnehmbarer Geschwindigkeit ab, generiert ihrerseits beim bewegten Betrachten Moiré-Muster und gleichzeitig ein Funkloch, das alle Wireless-Technologien im Raum stört.
Mittels merkwürdig präzis ausformulierter Handwerklichkeiten verschafft Javanbakhsh den zusammengefügten Elementen eine Ernsthaftigkeit, eine neue Identität oder eben eine eigene Bedeutung. Durch das genaue Beobachten wirklicher Situationen und Grenzen zwischen Gegenständen und ihrer Umgebung transformiert er das Wahrgenommene wie das Historische in eigengesetzlicher Manier. Es entstehen Skulpturen mit geschichteten Erinnerungen. Oder besser: Es entstehen Skulpturen, die einen erinnern lassen und doch irgendetwas mit dem Zukünftigen zu tun haben.»
Yves Netzhammer

Anastasia Pavlou (*1993, lebt und arbeitet zwischen Athen (GR) und Basel (CH))
««Das Bild ist am Ende nicht etwas, das gemacht wurde, sondern vielmehr etwas, das passiert ist», sagt Anastasia Pavlou und verweist damit auf die kontingenten – räumlichen, zeitlichen und institutionellen – Bedingungen, die ein Werk umgeben und es in seinem Wesen mitkonstituieren. Sie entwickelt ihre Arbeiten über längere Zeiträume hinweg auf dem Boden und integriert im Atelier angesammelte Fundmaterialien in die Leinwand. Nichts ist dabei im Voraus festgelegt oder eigens für eine bestimmte Komposition ausgewählt: Prozess, Dauer und Zufall sind im Bild eingeschrieben.
Anastasia Pavlou bewegt sich zwischen Malerei, Zeichnung und Fotografie und versteht Collage zugleich als Methode der Bildproduktion und als konzeptuellen Rahmen. So überschreitet sie das kunsthistorische Skript der Malerei und greift auf dramaturgische Mittel des Theaters, narrative Strukturen der Literatur sowie räumliche Strategien von Skulptur und Installation zurück. Häufig als Polyptychen angelegt, die sich eher wie Kapitel denn als abgeschlossene Bildfläche lesen lassen, begreifen ihre Arbeiten das Bild als offenes Feld. Pavlous Praxis kehrt dabei immer wieder zu grundlegenden Fragen zurück: Wo findet Malerei eigentlich statt? Wo entsteht ein Bild?»
Fanny Hauser

Nina Rieben (*1992, lebt und arbeitet in Bern und Basel)
«In den Arbeiten von Nina Rieben beginnt das Bild selten dort, wo es sichtbar wird. Es entsteht in Zwischenräumen: zwischen Textfragment und Alltagsobjekt, zwischen dem schwarzen Grund einer Fotografie und einer flüchtigen Lichtspur, zwischen Sehnsucht und dem Verdacht, dass sie ins Lächerliche kippt. Rieben inszeniert keine abgeschlossenen Erzählungen, sondern prekäre Zustände. Schuhe, Kleidungsstücke, Zigaretten oder Smartphones erscheinen als Träger einer Erfahrung, die sich nie ganz entziffern lässt. Darin liegt für mich die Präzision ihrer Kunst: Das Beiläufige und das Sinnliche berühren sich, ohne sich aufzulösen. Eine feine Ironie durchzieht diese Konstellationen und verhindert, dass ihre Poesie sich im Pathos erschöpft. Die Installationen halten den Blick in Bewegung, lassen Dinge auftreten, als hätten sie ein Gedächtnis, und setzen zwischen ihnen unerwartete Bezüge frei. In Riebens «instabiler Sinnlichkeit» formen Projektionen, Spuren und Leerstellen eine Wirklichkeit, die stets vorläufig bleibt.»
Stefanie Gschwend
Jennifer Merlyn Scherler (*1996, lebt und arbeitet in Basel)
«Jennifer Merlyn Scherler hat eine analytisch-performative Praxis entwickelt, die an den Rändern und in den Tiefen des webbasierten Plattformkapitalismus forscht und untersucht, wie dort die Gegenwart verarbeitet wird. Sie beherrscht die Grammatik der zeitgenössischen Internetkultur souverän und kombiniert deren Ästhetik mit antiken Kosmologien. Formate wie Musikvideo, Reality-TV und Fankultur bis zu den skurrilsten Social-Media-Trends werden mit ihren eigenen Narrativen reproduziert und mit bemerkenswerter Präzision umgesetzt. Bei Scherler ist diese Geste nicht nur gekonnte Appropriation, sondern wird gepaart mit einer kulturhistorischen Ebene aus kontextualisierendem, theoretischem Wissen, das von den teilweise mythologisch inspirierten Charakteren der Arbeiten selbst vorgetragen wird – sozusagen ein Ted Talk in Drag. Was mich an Scherlers Arbeit fasziniert, ist die Klarheit, mit der sie superspezifische Internet-Nischenphänomene aufgreift, in ihren Nuancen erfasst und sich zu eigen macht. Das Werk hat Humor, ohne ins rein Ironische zu verfallen, die Arbeiten zeugen von Vehemenz und Ernsthaftigkeit, ohne sich selbst zu ernst zu nehmen.»
Marlene Wenger

