Warum sich die Inflation höher anfühlt, als sie ist (2/2026)

Die offiziellen Inflationszahlen in der Schweiz liegen nahe bei null. Trotzdem haben wir das Gefühl, dass alles teurer geworden ist. Die Krankenkassenprämien steigen, Restaurantbesuche kosten mehr und steigende Energiepreise sorgen immer wieder für Schlagzeilen. Wie passt das zusammen?
Die Inflation in der Schweiz wird über den Landesindex der Konsumentenpreise (LIK) gemessen. Er zeigt, wie sich die Preise eines durchschnittlichen Warenkorbs entwickeln, von Lebensmitteln über Mieten bis zu Mobilität und Freizeit. Während die Schweizerische Nationalbank (SNB) für 2026 eine durchschnittliche Inflation von lediglich 0.5 Prozent erwartet, empfinden viele Haushalte ihren Alltag als deutlich teurer. Dies hat vor allem zwei Gründe.
Persönliche Wahrnehmung
Erstens: Wir nehmen Preisänderungen nicht gleich wahr. Besonders bleiben Ausgaben im Gedächtnis, die regelmässig anfallen und kaum vermeidbar sind, etwa Krankenkassenprämien, Mieten, Tanken oder Heizkosten. Sinkende Preise bei Elektronik oder Importwaren nehmen wir dagegen weniger stark wahr. Zudem konsumiert jeder Haushalt anders. Wer viel Auto fährt oder hohe Gesundheitskosten hat, erlebt die Teuerung intensiver. So weicht die persönliche Inflationswahrnehmung oft stark von den offiziellen Zahlen ab.
Was die Schweizer Inflation misst, und was nicht
Und zweitens: Nicht alles, was das Budget belastet, fliesst gleich in die Statistik ein. Ein Viertel des Warenkorbs wird staatlich beeinflusst. Die Rede ist von sogenannten administrierten Preisen, etwa Preise im Gesundheitsbereich, in der Energieversorgung oder im öffentlichen Verkehr. Bei den Krankenkassenprämien zeigt sich das besonders. Im Index werden darum nicht die Prämien selbst gemessen, sondern die Preise einzelner Gesundheitsleistungen.
Warum ist die Inflation in der Schweiz tiefer als im Ausland? Hauptgrund ist der starke Schweizer Franken. Er macht Importgüter aus dem Ausland günstiger und dämpft die Inflation. Zudem sind die Warenkörbe international unterschiedlich zusammengesetzt. In den USA macht Wohnen einen deutlich grösseren Anteil aus als in der Schweiz, was die Inflation dort stärker nach oben treibt.
Die Rolle der Schweizerischen Nationalbank
Die SNB strebt Preisstabilität an, also eine Inflation zwischen null und zwei Prozent. Sie muss dabei abwägen: Zu tiefe Zinsen stützen die Wirtschaft, schwächen aber den Franken und verteuern importierte Güter. Zu hohe Zinsen stärken den Franken, drücken die Inflation weiter, bremsen aber auch die Exportwirtschaft und vergrössern Risiken etwa auf dem Immobilienmarkt.
Während im Euroraum angesichts einer Inflationsrate von rund 3 Prozent über Zinserhöhungen diskutiert wird, verharrt der Leitzins in der Schweiz auf einem sehr tiefen Niveau. Das Hauptinstrument der SNB sind in dieser Phase grosser Unsicherheit vor allem Käufe und Verkäufe von Fremdwährungen, mit denen sie einem zu starken Franken entgegenwirkt. Deshalb bleibt die offizielle Inflation tief, obwohl viele Haushalte höhere Kosten spüren.
Was Inflation mit Ihrem Spargeld macht
Geld auf dem Sparkonto gibt ein Gefühl von Sicherheit. Doch obwohl der Kontostand gleichbleibt, verliert das Geld aufgrund der Inflation stetig an Wert.
Inflation bedeutet, dass Waren und Dienstleistungen mit der Zeit teurer werden. Wenn das Geld auf dem Sparkonto kaum oder gar keinen Zins abwirft, die Preise aber steigen, verliert das Ersparte nach und nach an Kaufkraft.
Anlegen als Chance
Eine Möglichkeit, dem entgegenzuwirken, ist langfristiges und diversifiziertes Anlegen, vor allem in Sachwerte wie Aktien, Immobilien und Gold. Aktien ermöglichen die Beteiligung an Unternehmen, deren Umsätze und damit Aktienkurse langfristig mit der Wirtschaft wachsen können. Immobilien bieten Schutz, weil Mieten und Preise häufig mit der Inflation steigen. Gold gilt als sicherer Hafen, kann langfristig zur Werterhaltung beitragen, schwankt jedoch stark im Wert und eignet sich deshalb als Beimischung.
Wichtig ist dabei: Die Finanzmärkte schwanken, es gibt gute und schlechte Jahre. Wer langfristig und diversifiziert anlegt, erhöht die Chance, von der wirtschaftlichen Entwicklung zu profitieren und dem Kaufkraftverlust entgegenzuwirken.
Im folgenden Beispiel werden 10 000 Franken auf zwei Arten angelegt (Kosten nicht berücksichtigt):
- auf einem Sparkonto
- in einem defensiv gemischten Portfolio (60 Prozent Obligationen, 40 Prozent Schweizer Aktien)

Die Grafik zeigt: Auf dem Sparkonto wächst das Geld zwar leicht durch Zinsen (Mittelwert Zins 0.27 Prozent). Weil die Preise aber stärker steigen als die Zinsen, ist das Guthaben nach 20 Jahren weniger wert als am Anfang (Mittelwert Inflation 0.46 Prozent). Es verliert rund 900 Franken an Wert. Das Geld angelegt im gemischten Portfolio hat sich besser entwickelt und konnte die Inflation mehr als ausgleichen.
Das Sparkonto schützt vor Schwankungen, nicht aber vor Inflation
Das Sparkonto ist sinnvoll, wenn Geld kurz- oder mittelfristig verfügbar sein muss. Etwa für einen Notgroschen oder grössere geplante Ausgaben. Geld, das langfristig nicht benötigt wird, kann dagegen angelegt werden. Langfristiges Anlegen bietet keine Garantie, eröffnet aber eine wichtige Chance: Das Vermögen kann wachsen und die Inflation über die Zeit ausgleichen. Wer sein Vermögen ausschliesslich auf dem Sparkonto hält, schützt es zwar vor Kursschwankungen, aber nicht vor der schleichenden Entwertung durch Inflation.
Aktien

Das Börsenjahr 2026 war bisher alles andere als ruhig. Nach einem turbulenten ersten Quartal mit Irankonflikt, Blockade der Strasse von Hormus und einem Ölpreisschock haben sich die Aktienmärkte rasch erholt.
Der globale Aktienindex MSCI World lag Ende März um 3 Prozent im Minus. Im April folgte dann mit plus 9.6 Prozent der stärkste Monatsanstieg seit Jahren, gefolgt von einem erneut sehr starken Mai mit plus 4.4 Prozent. Per Ende Mai ergibt sich damit eine Wertentwicklung von 10.3 Prozent seit Jahresbeginn.
Haupttreiber ist der enorme Investitionsschub in die Infrastruktur für Künstliche Intelligenz. Er sorgt bei den beteiligten Unternehmen für steigende Gewinne. Im Mai legte der Technologiesektor allein um fast 16 Prozent zu, während andere Branchen deutlich zurückblieben. Spannend ist, dass dieser Trend auch einzelne Schwellenländer erfasst (siehe Grafik Performance der Aktienmärkte im Jahresverlauf 2026). Korea mit einer Performance von 115 Prozent und Taiwan mit 58 Prozent seit Jahresbeginn sind eindrückliche Beispiele. Beide Aktienmärkte haben China und Indien im MSCI Emerging Markets inzwischen überholt.
Der Schweizer Aktienmarkt mit seiner eher defensiven Ausrichtung profitiert weniger vom KI-Boom. Dennoch verzeichnet er eine ansprechende Rendite von 5.5 Prozent seit Jahresbeginn.
Die Gewinnentwicklung der Unternehmen präsentiert sich weiterhin äusserst positiv, und der Irankonflikt hat bisher darauf kaum Auswirkungen gehabt. Allerdings hat sich die Marktstimmung deutlich verändert: Aus Vorsicht im März ist im Mai zunehmender Optimismus geworden. Der Aufwärtstrend an den Börsen (Bullenmarkt) bleibt bestehen, aber nach den starken Kursanstiegen ist das Verhältnis von Chancen zu Risiken weniger attraktiv. Schwankungsreiche Sommermonate könnten bei den zuletzt stark gestiegenen Aktien und Branchen zu Kursrückgängen führen.
Obligationen

Nach einem freundlichen Start ins Jahr, mit fallenden Zinsen und tieferen Kreditprämien, wurde das Marktumfeld im weiteren Verlauf zunehmend von geopolitischen Spannungen beeinflusst.
Während die Weltkonjunktur robust blieb und die Zentralbanken der wichtigsten Industrieländer ihre Leitzinsen unverändert liessen, sorgte der militärische Einsatz der USA gegen den Iran Ende Februar für deutlich höhere Energiepreise und steigende Inflationserwartungen. In der Folge stiegen die Zinsen im März in den USA, Europa und der Schweiz spürbar an.
Die Schweizerische Nationalbank, die Europäische Zentralbank und die amerikanische Notenbank hielten an ihrer Geldpolitik fest. Die Kombination aus geopolitischen Risiken, steigenden Energiepreisen und Inflationssorgen führte zeitweise zu stärkeren Schwankungen an den Zinsmärkten. Vor allem im Mai stiegen die Zinsen vorübergehend deutlich an, bevor sich die Märkte gegen Monatsende wieder beruhigten.
Der Schweizer Kreditmarkt zeigte sich trotz dieses anspruchsvollen Umfelds robust. Nach einem starken Jahresbeginn ging das Volumen von neu ausgegebenen Anleihen zurück, die Nachfrage nach Unternehmens- und Finanzanleihen blieb jedoch hoch. Entsprechend blieben die Kreditprämien stabil oder gingen weiter zurück.
Die Mischung aus höheren Zinsen und tieferen Kreditprämien führte dazu, dass der Schweizer Anleihenmarkt im Zeitraum vom 1. Januar bis 31. Mai 2026 eine leicht negative Rendite von minus 0.27 Prozent erzielte.
Ausblick und Positionierung
Die Aktienmärkte blicken trotz Nahostkonflikt und der fragilen Lage in der Strasse von Hormus nach vorne. Im Zentrum stehen die Gewinnentwicklung und der Investitionsschub in künstliche Intelligenz. Wir rechnen bei den Unternehmensgewinnen mit einem zweistelligen Wachstum, angeführt von Schwellenländern und den USA. Sollten sich diese Gewinne realisieren, ist das Bewertungsniveau angemessen. Die massiven KI-Investitionen stützen das globale Wachstum und schaffen ein grundsätzlich freundliches Umfeld für Aktien. Gleichzeitig nehmen erste Risiken zu: Grosse Betreiber von Datenzentren, sogenannte Hyperscaler, könnten Mühe bekommen, ihre hohen Investitionen weiterhin aus dem laufenden Geschäft zu finanzieren. Und auch die Frage, wie sich diese Investitionen in Gewinne umwandeln lassen, ist noch nicht abschliessend beantwortet.
Auf der Zinsseite bleiben die durch den Nahostkonflikt ausgelösten Inflationssorgen präsent. Die Renditen von Obligationen haben sich auf einem höheren Niveau eingependelt, viele Zentralbanken bleiben vorerst abwartend. Breitere Zinssenkungen sind erst zu erwarten, wenn sich die Inflationsrisiken deutlich abschwächen, oder die Gefahr einer Rezession zunimmt. In der Schweiz dürften sich die Zinsen eher stabilisieren und seitwärts bis leicht rückläufig entwickeln. Entsprechend ist das Ertragspotential begrenzt.
Für indirekte Immobilienanlagen ist der Ausblick grundsätzlich positiv: Das Umfeld bleibt stabil. Bewertungen und politische Vorstösse bringen jedoch mehr Unsicherheit.
Gold bewegt sich nach wie vor im Spannungsfeld zwischen geopolitischen Risiken, höheren Zinserwartungen und Inflation. Die langfristigen Faktoren wirken weiterhin zugunsten von Gold, auch wenn das Edelmetall immer noch stolz bewertet ist.
Insgesamt bleiben wir in Aktien übergewichtet mit Fokus auf Schwellenländer-Aktien. Auch halten wir an unserem indirekten Immobilienübergewicht fest. Diese Übergewichte finanzieren wir aus Obligationen und Liquidität. Im aktuellen Umfeld ist Gold schwierig einzuschätzen. Wir bleiben deshalb vorerst neutral positioniert.



