Aktienmärkte florieren trotz Wirtschaftsturbulenzen (3/2025)

Inmitten turbulenter Zeiten erreichen die Aktienmärkte Höchststände. Was steckt dahinter? Das Mobiliar Asset Management ordnet ein.
Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine, die Kriege im Nahen Osten, die Abkehr der USA unter Trump von der regelbasierten Weltordnung, die willkürlich anmutenden Deals der Trump-Administration zur Neugestaltung der internationalen Handelsordnung - die Welt ist geprägt von Krisen, Kriegen, schlechten Nachrichten und schleppendem Wirtschaftswachstum. Dass gleichzeitig die globalen Aktienmärkte derzeit Höchststände erreichen, mutet paradox an. Wie also kann das sein?
Wichtig zu wissen ist: Aktienkurse widerspiegeln nicht die aktuelle Wirtschaftslage, sondern die Erwartungen der Investorinnen und Investoren an die Zukunft. Die derzeitige Wirtschaftslage ist vielleicht nicht ideal, aber solange es langfristige Wachstumschancen, produktivitätssteigernde Technologietrends wie Künstliche Intelligenz und sinkende Zinsen gibt, zeigen sich diese Hoffnungen der Investor:innen in den Aktienkursen. Der Aktienmarkt ist damit also fähig, durch ein wirtschaftliches Tal der Tränen hindurchzuschauen – so geschehen beispielsweise in den Jahren 2020/21 während der Corona-Krise, als die Aktienkurse in die Höhe schossen, während die Weltwirtschaft und die Unternehmensgewinne einbrachen.
Im April, nach den Zollankündigungen von Präsident Trump am «Liberation Day», galt es als ausgemachte Sache, dass Wirtschaftswachstum und Unternehmensgewinne sowohl in den USA als auch weltweit Schaden nehmen und die Zollpolitik inflationstreibend sein wird. Schauen wir uns die Entwicklung anhand untenstehender Grafik an. Sie zeigt den Verlauf der geschätzten Unternehmensgewinne für 2025 und 2026 aller Firmen, die im Aktienindex von Standard & Poor’s enthalten sind (siehe S&P 500). Im April wurden die Schätzungen für das laufende und das nächste Jahr um etwa 3 Prozent nach unten revidiert. Schon im Mai stoppten diese negativen Revisionen: Nach einer Phase grosser Unsicherheit schien sich die Ansicht durchzusetzen, die Auswirkungen der Zollpolitik dürften mittelfristig für US-Firmen doch nicht so schlimm sein. Natürlich ist die gegenwärtige Indexzusammenstellung des S&P 500 diesbezüglich ein Vorteil: die Schwergewichte aus dem Technologiesektor sind vom (geo-)politischen Geschehen weniger betroffen als beispielsweise die Konsumgüteraktien.

In den Sommermonaten erwarteten die Investor:innen, dass die US-Wirtschaft wegen der Zölle nicht in eine Rezession gerät, das Wettrüsten bei KI-Investitionen substanziell zum Wirtschaftswachstum beiträgt, und die US-Zentralbank gewillt ist, den Zinssenkungszyklus fortzuführen. Zuerst hatten nur eine Minderheit von Analysten und Marktteilnehmern diese Erwartungen und setzten darauf. Dann kamen mehr Börsianer aus unterschiedlichen Gründen zu übereinstimmenden Einschätzungen – es bildete sich ein robuster Trend. Der Trend läuft weiter, solange immer mehr Anleger:innen auf den Zug aufspringen. Während dieser Phase führen negative Schlagzeilen, wie die eingangs erwähnten, zwar zu Rücksetzern an der Börse, der positive Trend bleibt jedoch bestehen. Signalisiert uns das komplexe System der Börse mit Millionen vernetzter Investor:innen, dass es der Welt möglicherweise besser geht, als die Schlagzeilen der Medien suggerieren?
Obligationen

Die Rendite der 10-jährigen Schweizer Staatsanleihe erreichte im ersten Quartal den höchsten Stand des Jahres, ist jedoch seitdem deutlich gesunken. Im Verlauf des dritten Quartals verstärkte sich der Abwärtstrend, als US-Präsident Donald Trump ankündigte, Güterimporte aus der Schweiz künftig mit einem Zolltarif von 39 Prozent zu belegen. Die Zölle führten dazu, dass sich die Erwartungen der Investor:innen zur Konjunkturentwicklung verschlechterten und sich der Renditerückgang für Schweizer Staatsanleihen fortsetzte. In den vergangenen drei Monaten gab es von den Zentralbanken keine Überraschungen, die die längerfristigen Zinsen beeinflussen konnten. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) senkte im Juni wie erwartet die Leitzinsen auf 0 Prozent. Im August deutete die amerikanische Notenbank (Fed) beim Jackson Hole-Meeting die erste Leitzinssenkung an, im Kontext eines sich abschwächenden Arbeitsmarktes. Im September folgte dann die US-Leitzinssenkung, auf die laut den Erwartungen der Marktteilnehmer weitere folgen sollen. Die SNB hingegen hat den Zinssenkungszyklus bereits abgeschlossen und entschieden, ihre Nullzinspolitik unverändert fortzuführen.
Im Quartalsverlauf engten sich die Kreditprämien sektorübergreifend leicht ein. Die Kombination aus rückläufigen Zinsen und sich einengenden Kreditprämien führte dazu, dass der Schweizer Anleihenmarkt im dritten Quartal eine positive Rendite von +1.15 Prozent erzielte.
Aktien

Globale Aktien beendeten das dritte Quartal 2025 auf einem neuen Höchststand und legten auch in den saisonal häufig «schwierigen» Sommermonaten kräftig zu: seit nunmehr sechs Monaten steigt der MSCI World. Die Avance im dritten Quartal belief sich auf 6.4 Prozent in US-Dollar und auf 6.5 Prozent in Schweizer Franken. Wir gehen davon aus, dass die heftige Abwärtsbewegung des US-Dollars ein vorläufiges Ende gefunden hat. Seit Jahresbeginn beträgt die Performance satte +17.1 Prozent in US-Dollar, jedoch nur 2.8 Prozent in Schweizer Franken.
Die globalen Aktien legten in jedem der drei Monate zu: Im Juli, als ersichtlich wurde, dass die Wirtschaftsdaten sowohl in den USA als auch in Europa den handelspolitischen Turbulenzen bislang trotzten und die US-Technologiefirmen sehr gute Resultate für das zweite Quartal rapportierten. Im August, nachdem mit der Rede von Fed-Chair Jerome Powell in Jackson Hole klargeworden war, dass er den Moment für eine Leitzinssenkung angesichts etwas schwächerer Arbeitsmarkt-Indikatoren für gekommen hielt. Im September schliesslich senkte die Fed wie erwartet die US-Leitzinsen um 0.25 Prozent und leitete damit nach einer längeren Pause die Fortführung des Zinssenkungszyklus ein. Die Märkte erwarten nun keine weitere Pause, sondern zwei weitere Zinssenkungen bis Ende Jahr, was den Risiko-Appetit befeuerte.
Zyklische Aktien profitierten viel stärker als Defensive, Schwellenländer-Aktien waren besonders gesucht und die Anleger bevorzugten weiterhin Wachstums- gegenüber günstigen Substanzaktien. Qualitätsaktien mit tiefer Volatilität zeigten eine starke Underperformance. Auch Schweizer Aktien, die in der Summe genau diese Charakteristika haben, vermochten im dritten Quartal nicht mit den globalen Aktien mitzuhalten. Die allerbeste Performance zeigten die spekulativsten Segmente des globalen Aktienmarktes. So haben zum Beispiel nicht profitable Technologieaktien wie die im Goldman Sachs Non-Profitable-Tech-Index enthaltenen, um – je nach Sichtweise – beindruckende oder besorgniserregende 30 Prozent zugelegt.
Ausblick und Positionierung
Für die kommenden Monate erwarten wir ein moderates globales Wirtschaftswachstum, das jedoch weiterhin leicht unter dem Potenzialwachstum liegt. Früh- und Vorlaufindikatoren zeigen eine leichte Aufwärtstendenz, wobei die Unsicherheiten im Zusammenhang mit den US-Strafzöllen die Investitions- und Konsumbereitschaft weiterhin belasten könnten. Fiskalpolitische Impulse könnten hingegen für positive Überraschungen sorgen.
Die Inflation in den USA bleibt über dem Zielwert und stellt die Fed mit Blick auf die Arbeitslosenraten geldpolitisch vor Herausforderungen. In der Eurozone stabilisiert sich die Inflation im Zielband, während sie in der Schweiz niedrig bleibt und in Japan momentan weiter sinkt.
Insgesamt bleiben die Aussichten unseres Erachtens für Aktien und Immobilien solide, während Anleihen und Liquidität in einem nicht rezessiven Marktumfeld weniger gute Perspektiven bieten. Wir behalten eine moderate Übergewichtung in Aktien und Immobilien bei, da wir in diesen Anlagenklassen noch Wachstumspotenzial erkennen, im Vergleich zu Anleihen und Liquidität. Trotz erkennbarer Preisüberhitzung halten wir Gold neutral, da die geopolitische Situation, die rechtsstaatlichen Unsicherheiten und die weniger restriktive Geldpolitik dem Goldpreis weiterhin Auftrieb verleihen.

Nützliches Anlagewissen
Was ist Ihre Anlagestrategie?
Anlegen ohne Plan ist wie Segeln auf offenem Meer ohne Kompass. Mit Ihrer persönlichen Anlagestrategie bestimmen Sie, wie Sie Ihr Geld investieren.
Das Konzept des „magischen Dreiecks“ umfasst drei wesentliche Ziele des Anlegens:
- Rendite: Was sind Ihre Erwartungen an die Rendite? Streben Sie nach einer hohen oder genügt ihnen eine moderate Rendite?
- Sicherheit: Wie wichtig ist Ihnen die Sicherheit bei ihrer Anlage? Legen Sie Wert auf wenig Schwankungen oder können Sie auch hohe Schwankungen verkraften?
- Liquidität: Wie viel Geld können Sie anlegen und wie lange? Ein längerer Anlagehorizont erlaubt riskantere Anlagen mit potenziell höheren Renditen, da die Zeit hilft, Wertschwankungen auszugleichen. Im Gegensatz dazu erfordert ein kürzerer Anlagehorizont eine vorsichtigere Anlagestrategie, um Risiken zu reduzieren.
Es gibt keine Anlagestrategie, die alle drei Ziele gleichzeitig maximieren kann. Setzen Sie deshalb Prioritäten.

Welche Anlagestrategien gibt es?
Eine allgemeine Regel besagt: Je mehr Aktien in einem Portfolio sind, desto höher ist das Risiko. Aktien weisen die stärksten Kursschwankungen unter den verschiedenen Anlageklassen auf. Um das Risiko zu mindern, werden weniger risikobehaftete Anlagen wie Obligationen, oder weitere diversifizierende Sachwerte wie beispielsweise Immobilien oder Gold beigemischt. Je nachdem wie die Antworten auf die Fragen des magischen Dreiecks lauten, lassen sich folgende Anlagestrategien ableiten:
| Anlage-strategie | Portfolio | Anlagehorizont | Risikoprofil | Erwartbare Rendite (p.a.) |
| Einkommen | 70–90 %
| Kurzfristig (1–3 Jahre) | Geringes Risiko | 0.5–2 % |
| Konservativ | 60–80 %
| Mittelfristig (ab 5 Jahren) | Moderates Risiko | 1–3 % |
| Ausgewogen | 40–50 %
| Mittel- bis langfristig (ab 7 Jahren) | Mittleres Risiko | 2–4 % |
| Wachstum | 30–40 %
| Langfristig (ab 10 Jahren) | Höheres Risiko | 3–5 % |
| Kapitalgewinn | 0–20 %
| Langfristig (ab 10 Jahren) | Hohes Risiko | 4–6 % |
Fazit
Ihre Anlagestrategie sollte zu Ihren Zielen und Ihrer Lebenssituation passen. Ermitteln Sie Ihr Anlegerprofil, das Ihre Risikofähigkeit und -bereitschaft unter Berücksichtigung Ihres Anlagehorizonts und finanziellen Zielen zeigt. Überprüfen Sie dieses alle fünf Jahre oder bei grösseren Veränderungen Ihrer Lebenssituation. So stellen Sie sicher, dass Ihre Strategie optimal bleibt.


