Wie Jessica Kramer ihren eigenen Weg gegangen ist

Jenseits des Rasters

Portrait von Jessica Kramer an einem Fluss

Trotz gesundheitlicher Einschränkungen und zahlreicher Rückschläge hat Jessica Kramer nie aufgegeben. Mit Mut, Ausdauer und der Unterstützung der Mobiliar hat sie für ihre Berufung gekämpft – und ihren Platz im Leben gefunden.

Auf den ersten Blick ist Jessica Kramer (28) vor allem eines: Eine taffe Frau, die mit beiden Beinen im Leben steht – mit erfüllender Arbeit und gesundem Freizeit-Ausgleich. Sie arbeitet als Fachfrau Gesundheit im Altersheim, verbringt gerne Zeit draussen, mit ihrer Familie oder Freund:innen und hört gerne Musik. Die E-Gitarre steht im Moment gerade in ihrer Zimmerecke – dieses Hobby ist in letzter Zeit nebst Ausbildung, Arbeit und Haushalt etwas auf der Strecke geblieben.

Was erst auf den ersten Blick zum Vorschein kommt: Unzählige medizinische Untersuchungen und Behandlungen, langwierige Abklärungen mit der IV und dem Sozialdienst, Rechtsstreite und weitere Stolpersteine, die ihren Weg bis heute holprig gemacht haben.

 

Die ersten Hürden

Jessica Kramer wurde sechs Wochen zu früh geboren und verbrachte die ersten Wochen ihres Lebens an Schläuchen, ernährt von einer Magensonde. Seitdem leidet sie an einer minimalen zerebralen Bewegungsstörung: Eine Funktionsstörung ihres Nervensystems, die ihr vor allem in den ersten Lebensjahren in der Fein- und Grobmotorik Mühe bereitete. Bis heute führt die erhöhte Muskelspannung in ihrem ganzen Körper immer wieder zu Schmerzen und Erschöpfung. Auch musste Kramer bereits beide Ellbogen und Handgelenke operieren, um den Nerven genug Platz zu verschaffen. «Ich kenne das Spital Solothurn sehr genau von innen – und zwar nicht nur wegen meines Pflegeaustausch-Praktikums.»

 

Von der Kindheit ins Schulsystem

Jessica Kramers Entwicklung ging von Anfang an etwas langsamer voran, als sie normalerweise typisch ist. Während der frühen Kindheit hat sie das noch nicht allzu stark belastet. Dank ihres liebevollen Umfeldes zuhause durfte sie auf ihre eigene Art Kind sein – genau so, wie sie war. «Ich ging auch gerne in die Spielgruppe», erinnert sie sich. Später in der Schule erschwerten ihr eine Dyskalkulie und Lernbehinderung das Lernen zusätzlich. Hinzu zur sonst schon verringerten Aufnahme- und Verarbeitungsfähigkeit kam ein ADHS - zu viele Hindernisse, um mit dem regulären Schulstoff auf die Dauer mitzukommen. Die ersten Schulmonate zeigten ihr schnell: Wer nicht ins Raster passt, hat’s schwer.

 

Portrait von Jessica Kramer
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Mit 16 platzten für mich alle Träume ‘wie Seifeblööterli’. Das war hart.
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Fuss gefasst. Jenseits des Rasters.

Was Jessica Kramer ohnehin schon zu schaffen machte, drückten ihr ihre Mitschüler:innen zusätzlich auf: Sie wird Opfer von Mobbing. «Ich musste immer wieder spüren, dass ich nicht ins Raster unserer Gesellschaft passe», erzählt sie. So trägt die heutige Fachfrau Gesundheit nicht nur körperliche, sondern auch psychische Ballaste mit sich. Mit dem Wechsel an eine Sonderschule traf Jessica Kramer schliesslich auf ein liebevolleres Umfeld. Das hat ihr geholfen, in der Schule wieder Fuss zu fassen. Doch ihre Mitmenschen im Dorf zeigten auch für diesen unkonventionellen Weg nur wenig Verständnis. «Aber das alles hat mich zu dieser starken jungen Frau gemacht, die ich heute bin», versichert Kramer stolz.

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Ich musste früh lernen: Wer nicht ins Raster passt, hat’s schwer.
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Der steinige Weg zur eigentlichen Berufung

Als Teenager folgte mit der Lehrstellensuche die nächste Herausforderung. «Ich wollte immer Tierpflegerin oder Coiffeuse werden », blickt Jessica Kramer lächelnd zurück. Doch die Antwort der IV war damals: Nur eine EBA-Ausbildung werde übernommen. «So platzten für mich mit 16 schon alle meine Träume ‘wie Seifeblööterli’. Das war hart». Auf eigene Faust fand sie im Detailhandel eine EBA-Lehrstelle – und hängte nach erfolgreichem Abschluss noch die EFZ-Ausbildung zur Detailhandelsfachfrau an. Nach langer, körperlich auslaugender Arbeit in einem Bereich, der viel zu stark ihre Schwachstellen statt ihrer Stärken beanspruchte, musste sich die junge Frau wieder bei der IV anmelden. Für Jessica Kramer, die gerne eigenständig und unabhängig ist, fühlte sich das wie ein grosser Rückschlag an. Kramer wusste schon bald: Ihr Herz schlägt für die Pflege. Und dann begann für sie der eigentliche Kampf. Der Kampf um ihre Berufung.

Die Odyssee zum Neuanfang

Die IV kann die Kosten für die Umschulung zur Pflegefachfrau nicht übernehmen. So die Nachricht, die sie einmal mehr hart traf. Mit der Unterstützung der Mobiliar-Rechtsschutzversicherung und einer von der Mobiliar gestellten Anwältin trat sie vor das Versicherungsgericht – und gewann den Fall nach einer zweijährigen Gerichts-Odyssee. Die Rechtsschutzversicherung sowie die Lebensversicherung, in die ihre Eltern seit ihrer Geburt regelmässig eingezahlt hatten, haben Jessica Kramer auf ihrem holprigen Weg enorm entlastet. «Auch bei administrativen Anliegen im Zusammenhang mit der Sozialhilfe hat mir die Mobiliar jederzeit unkompliziert weitergeholfen», erzählt Kramer.

Jessica Kramer steht an einem Fluss

Die wohlverdiente Aussicht vom Berg       

Was Jessica Kramer aus ihren zahlreichen Herausforderungen gelernt hat? «Hilfe annehmen», beteuert sie, «ohne Angst zu haben, verurteilt zu werden». Gerade auch psychologische Unterstützung sei wichtig, um das Erfahrene aufzuarbeiten. Es gebe mehrere Wege, über einen Berg zu kommen. Man könne ein Loch hindurch graben, links oder rechts am Berg vorbeigehen oder den steilen Weg hochklettern. Kramer blickt stolz auf ihren holprigen Weg zurück: «Heute stehe ich oben am Berg und weiss, ich bin hier selbst hinaufgeklettert. Das ist mein Gewinn.»

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Meine Herausforderungen haben mich zur starken jungen Frau gemacht, die ich heute bin.
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