Ob hoher Zeitdruck, Konflikte im Team oder private Belastungen: Viele Faktoren beeinflussen die psychische Gesundheit. Besonders relevant für Unternehmen sind Konflikte am Arbeitsplatz. Eine SWICA-WorkMed-Studie von 2022 zeigt: 57 Prozent der untersuchten psychisch bedingten Arbeitsunfähigkeiten wurden durch eskalierende Probleme am Arbeitsplatz ausgelöst.
Psychisch bedingte Arbeitsunfähigkeiten dauerten in dieser Studie im Durchschnitt 218 Tage; 95 Prozent begannen als Vollzeit-Krankschreibung. Für KMU können solche Ausfälle besonders herausfordernd sein: Aufgaben müssen umverteilt, Kundenanliegen aufgefangen und zusätzliche Ressourcen organisiert werden.
Prävention lohnt sich deshalb mehrfach: für die Gesundheit der Mitarbeitenden und für die Stabilität des Betriebs und der Krankentaggeld Prämie.
Mario Cotichini - Teamleiter BGM bei der Mobiliar
Welche Belastungen am Arbeitsplatz eine Rolle spielen können
Psychische Belastungen entstehen selten durch einen einzelnen Auslöser. Entscheidend ist das Verhältnis zwischen Belastungen und verfügbaren Ressourcen. Auch körperliche Anforderungen wie Lärm, schwere Arbeit oder ungünstige Arbeitszeiten können die Belastung verstärken. Prävention sollte deshalb Arbeitsorganisation, Zusammenarbeit und körperliche Arbeitsbedingungen gemeinsam betrachten.
Warum Führungskräfte eine Schlüsselrolle spielen
Führungskräfte nehmen Veränderungen häufig früh wahr. Ihre Aufgabe ist nicht, Diagnosen zu stellen. Sie können Beobachtungen ansprechen, zuhören und gemeinsam nach nächsten Schritten suchen.
Besonders wichtig ist ein früher und konstruktiver Umgang mit Konflikten. Je nach Situation können eine Moderation, angepasste Aufgaben oder ein vorübergehender Wechsel des Arbeitsumfelds helfen.
Christian Hügli - Teamleiter Case Management bei der Mobiliar
Andrea Aldous - Leiterin Case Management und BGM bei der Mobiliar
Mario Cotichini - Teamleiter BGM bei der Mobiliar
So kann Betriebliches Gesundheitsmanagement unterstützen
Psychische Gesundheit ist ein wichtiger Bestandteil eines nachhaltigen Betrieblichen Gesundheitsmanagements.
Unternehmen, die Gesundheit systematisch fördern, schaffen bessere Voraussetzungen für motivierte Mitarbeitende, stabile Teams und eine langfristig gesunde Unternehmenskultur.
Die Mobiliar unterstützt Unternehmen mit Angeboten im Bereich Betriebliches Gesundheitsmanagement dabei, gesundheitliche Risiken frühzeitig anzugehen und die Gesundheit der Mitarbeitenden langfristig zu stärken.
Warnsignale früh erkennen
Je früher Belastungen erkannt werden, desto grösser sind die Chancen, einer längeren Arbeitsunfähigkeit vorzubeugen.
Bei einzelnen Mitarbeitenden
Achten Sie auf Veränderungen wie:
- Konzentrationsschwierigkeiten
- Häufige Fehler
- Rückzug aus dem Team
- Gereiztheit oder erhöhte Empfindlichkeit
- Sinkende Motivation
- Wiederholte Kurzabsenzen
Im Team
Auch Entwicklungen im Team können Hinweise auf Belastungen sein:
- Zunehmende Konflikte
- Höhere Fluktuation
- Sinkende Zusammenarbeit
- Mehr Fehlzeiten
- Spürbarer Motivationsverlust
Ein einzelnes Signal muss noch kein Grund zur Sorge sein. Treten mehrere Anzeichen über längere Zeit auf, lohnt es sich, genauer hinzuschauen.
Was KMU konkret tun können
Viele wirksame Präventionsmassnahmen lassen sich auch in kleineren Unternehmen umsetzen.
1. Das Gespräch suchen
Führungskräfte müssen keine Diagnosen stellen. Sprechen Sie konkrete Beobachtungen an, hören Sie wertschätzend zu und klären Sie gemeinsam, welche Unterstützung möglich ist.
Praxisbeispiel: Ein regelmässiges Standortgespräch muss nicht lange dauern. Bereits die Frage «Wie geht es Ihnen aktuell mit Ihrer Arbeitsbelastung?» kann wertvolle Hinweise liefern.
2. Führungskräfte sensibilisieren
Vorgesetzte sind häufig die ersten Personen, die Veränderungen wahrnehmen. Entsprechend wichtig ist es, sie für psychische Belastungen zu sensibilisieren.
Praxisfrage für KMU: Wissen Ihre Führungskräfte, wie sie reagieren können, wenn Mitarbeitende überlastet wirken?
3. Arbeitsbedingungen regelmässig überprüfen
Prüfen Sie nicht nur einzelne Massnahmen, sondern das Zusammenspiel von Belastungen und Ressourcen. Dazu gehören:
- realistische Arbeitslasten und gute Planbarkeit
- klare Rollen und Verantwortlichkeiten
- offene Kommunikation und früher Umgang mit Konflikten
- passende körperliche Arbeitsbedingungen
- genügend Handlungsspielraum und Unterstützung im Team
4. Betriebliches Gesundheitsmanagement nutzen
Viele Unternehmen setzen bereits einzelne Massnahmen zur Gesundheitsförderung um, ohne diese als Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) zu bezeichnen.
Ein systematischer Ansatz hilft dabei, Belastungen frühzeitig zu erkennen, Risiken zu reduzieren und die Gesundheit der Mitarbeitenden langfristig zu fördern.
5. Flexible Lösungen ermöglichen
Flexible Arbeitszeiten, vorübergehend angepasste Aufgaben oder ein reduziertes Pensum können entlasten. Besteht bereits eine Arbeitsunfähigkeit, kann auch eine ärztlich abgestützte Teilzeitarbeitsfähigkeit geprüft werden. Ziel ist eine tragfähige Lösung, die zur verbleibenden Leistungsfähigkeit und zur Tätigkeit passt.
Wie gut ist Ihr Unternehmen aufgestellt?
Viele Unternehmen setzen einzelne dieser Massnahmen bereits um, oft ohne sich dessen bewusst zu sein. Gleichzeitig zeigt die Praxis, dass gerade bei der Prävention oft noch ungenutztes Potenzial besteht. Wie gut ist Ihr Unternehmen heute aufgestellt? Die folgenden Punkte liefern eine erste Orientierung.
Führungskräfte kennen typische Warnsignale psychischer Belastungen.
Mitarbeitende wissen, an wen sie sich bei Belastungen wenden können.
Belastungen und Gesundheit werden in Gesprächen regelmässig thematisiert.
Konflikte werden früh angesprochen.
Bei längeren oder komplexen Fällen werden Versicherer oder Case Management früh einbezogen.
Arbeitslasten werden regelmässig überprüft.
Es gibt klare Prozesse für die Rückkehr nach längeren Absenzen.
Bei der Rückkehr werden Aufgaben, Pensum und mögliche Anpassungen konkret geklärt.
Das Unternehmen beschäftigt sich aktiv mit betrieblicher Gesundheitsförderung.
Was tun, wenn bereits eine Belastung besteht?
Nicht jede gesundheitliche Herausforderung lässt sich verhindern. Umso wichtiger ist es, früh und koordiniert zu handeln.
Folgende Schritte können helfen:
- Das Gespräch suchen und konkrete Beobachtungen ansprechen.
- Arbeitsbedingungen, Aufgaben und Pensum prüfen.
- Mit Einverständnis der betroffenen Person klären, welche Tätigkeiten weiterhin möglich sind.
- Versicherer oder Case Management früh beiziehen, besonders bei komplexen oder länger dauernden Fällen.
- Den Kontakt während der Absenz aufrechterhalten und die Rückkehr früh planen.
Ein vollständiger Ausfall ist nicht immer die einzige Option. Eine Teilzeitarbeitsfähigkeit oder schrittweise Rückkehr kann sinnvoll sein, wenn sie medizinisch abgestützt ist und zum Arbeitsplatz passt.
Andrea Aldous - Leiterin Case Management und BGM bei der Mobiliar
Fragen und Antworten
Psychische Belastungen können zu langen Absenzen führen. Neben Lohnfortzahlung und Versicherungsleistungen entstehen im Betrieb indirekte Kosten, etwa durch Produktivitätsausfälle, Ersatzlösungen und zusätzliche Belastung im Team. Prävention stärkt deshalb Gesundheit und Betriebsstabilität.
Häufige Kurzabsenzen, Leistungsabfall, Konzentrationsschwierigkeiten, Rückzug oder zunehmende Konflikte können Hinweise auf Belastungen sein.
Ja. Viele wirksame Massnahmen benötigen keine komplexen Programme. Oft genügen regelmässige Gespräche, eine offene Kultur und sensibilisierte Führungskräfte.
Gesundheit ist eine gemeinsame Aufgabe. Unternehmen können unterstützende Rahmenbedingungen schaffen, während Mitarbeitende Verantwortung für ihre eigene Gesundheit übernehmen.
Externe Unterstützung sollte nicht erst beigezogen werden, wenn sich ein Fall verfestigt hat. BGM-Fachpersonen, Versicherer oder Case Management können helfen, Massnahmen zu koordinieren, die verbleibende Arbeitsfähigkeit zu klären und die Rückkehr zu planen.





