Das Risiko der Langlebigkeit: ein tödliches Risiko für die Lebensversicherer

In jüngster Zeit waren in den Medien wiederholt Artikel mit bemerkenswerten Überschriften zu lesen, beispielsweise «Der Mensch, der 1000 Jahre leben wird, ist bereits geboren» oder «Langlebigkeit: dieses Baby wird 120-jährig» oder auch «Kann Google den Tod besiegen?». Die letzte Schlagzeile stammt vom Time Magazine und hat mich besonders bewegt. Ich habe mich erst gefragt, wovon hier genau die Rede ist und dann, was das für eine Lebensversicherung bedeutet.

Die Langlebigkeit umfasst drei Risikoformen: Das Zufallsrisiko (Volatilität), das Parameterrisiko (Schätzunsicherheit der jährlichen Sterbewahrscheinlichkeit je Alter) und das Entwicklungsrisiko. Das letztgenannte Risiko beschäftigt die Lebensversicherer seit Jahren, denn es ist kaum diversifizierbar. Tatsächlich hat sich in den letzten 150 Jahren die Lebenserwartung in der Schweiz verdoppelt. Dieser Trend lässt sich in allen entwickelten Ländern feststellen. Es gibt zwar bei der Dauer der Lebenserwartung Unterschiede, die generelle Entwicklung ist aber mehr oder weniger dieselbe. Dabei lässt sich dieses Phänomen in den verschiedensten Gesellschaftskategorien beobachten, ob nach Männern und Frauen unterteilt oder nach Berufsarten.

Gleichwohl hatte diese bemerkenswerte Evolution lange Zeit keine grösseren Auswirkungen auf die Versicherer und Pensionskassen. Weshalb? Einerseits waren die Versicherungen von einem grossen Teil dieser Entwicklung nicht betroffen (man bedenke, dass beispielsweise das BVG erst 1985 in Kraft getreten ist). Anderseits konnten die Auswirkungen dank der finanziellen Überschüsse eine Zeit lang ausgeglichen werden. Aber heute fehlen diese finanziellen Mittel. Und noch entscheidender: wir erleben eine technische Revolution.

Als Google der Welt das neu gegründete Tochter-Unternehmen Calico vorstellte, wurde dessen Zielsetzung klar umrissen: es geht darum, unsere Lebenserwartung um 20 Jahre zu erhöhen. Während derlei Ankündigungen vor kurzem noch Stoff für Science-Fiction Filme boten, werden sie heute Realität. Der Grund dafür liegt in der Zusammenführung von vier grossen Wissenschaften in eine neue, die «NBIK». Dieses vielleicht fremd anmutende Akronym wird in den kommenden Jahren allgegenwärtig sein. Es steht für:

  • N = Nanotechnologie, das heisst Technologien auf Basis von Strukturgrössen von einzelnen Atomen bis 100 Nanometern
  • B = Biotechnologie und alles, was u.a. die DNA betrifft
  • I = Informatik, vor allem die stets steigenden Berechnungsmöglichkeiten
  • K = kognitive Wissenschaften, respektive künstliche Intelligenz

 

Mit dem Aufkommen dieser neuen Wissenschaften zeichnen sich mannigfaltige und scheinbar unglaubliche Perspektiven ab. Viele Entwicklungen werden einen Einfluss auf Krankheiten, das Alter und folglich auf den Tod haben. Wie es der Titel von Dr. Laurent Alexandres Buch «Des Todes Tod» vermuten lässt, fällt hier ein Tabu. Der Autor skizziert den Aufstieg von Google zum weltweit führenden Unternehmen im Bereich der Neurowissenschaft und folglich auch der NBIK.

Nachdem uns Google zuerst durch den virtuellen (Google Search) und dann den realen Raum (Google Maps) geführt hat, entwickelt sich Google nun zu unserem Gedächtnis (E-Mails, Google Docs, Picasa). Künftig will das Unternehmen unsere physischen Fähigkeiten verbessern (Google Glass, Google Lens), und helfen, Intelligenz zu verstehen (DeepMind). Dieses geballte Wissen dürfte sich in Robotern wiederfinden, auf deren Gebiet Google ebenfalls zur weltweiten Spitze zählt, nachdem es in kürzester Zeit führende Unternehmen im Bereich der Robotik-Entwicklung aufgekauft hat. Und schliesslich steuert das Unternehmen seit der Anstellung des renommierten Wissenschaftlers und transhumanistischen Futurologen Raymond Kurzweil auf des Gehirn 2.0 und eine gewisse Unsterblichkeit des Bewusstseins zu.

Nun, wenn man bedenkt, mit welcher Geschwindigkeit die Aufschlüsselung der DNA möglich gemacht wurde, (voraussichtlich wird die Aufschlüsselung eines Menschen bis 2020 nur einige Stunden dauern und weniger als 100 Franken kosten), scheint die These von Dr. Alexandre nicht ganz abwegig zu sein.

Ich weiss nicht, ob Google seine Wette auf die zukünftigen Technologien gewinnen wird. Aber neue Erkenntnisse könnten dazu führen, dass das Risiko der Langlebigkeit tödliche Folgen für Lebensversicherer haben wird.

Das Risiko der Langlebigkeit findet in der Schweiz kaum Beachtung, auch nicht im Rahmen der Reformen zur Altersvorsorge. Letztlich garantiert Bundesrat Alain Berset lediglich, dass es eine neue Abstimmung geben wird, und zwar schneller als man denkt. Und da hier schon die Politik angesprochen wird, wäre es auch angebracht, über weltweite Rahmenbedingungen für die künstliche Intelligenz nachzudenken, sowie über die sich abzeichnende Eugenetik.

Wenn Sie darüber diskutieren möchten, stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.

Quellen

  • VSD Magazin, Okt. 2015
  • National Geographic, Mai 2013
  • Time Magazine, Sept. 2013
  • die zukünftige Entwicklung der Langlebigkeit in der Schweiz, R. Kohli OFS 2009
  • die differentielle Sterblichkeit in der Schweiz 1990-2005, Philippe Wanner und Mathias Lerch, OFAS 2012
  • BVG: Bundesgesetz über die berufliche Vorsorge
  • Calico ist ein Forschungs- und Entwicklungsunternehmen mit dem Auftrag, die technologischen Fortschritte zu nutzen, um unsere Kenntnisse in Biologie zu erweitern, die einen Einfluss auf die Lebensdauer haben, mehr Infos unter www.calicolabs.com
  • «Des Todes Tod, Wie die Technomedizin die Menschheit völlig verändern wird», Dr. Laurent Alexandre, JC Lattès 2001
  • «Der Rückgang des Todes – kurzfristige Unsterblichkeit?» Dr. Laurent Alexandre, TEDxParis 2012