Versicherungen statt Koteletts

Spitzenschwinger Michael Bless: Vom Metzger zum Versicherungsberater

Mittwoch, 24. August 2016

Vom Metzger zum Versicherungsberater: Der Appenzeller Spitzenschwinger Michael Bless hat bewegte Zeiten hinter sich und will am «Eidgenössischen» hoch hinaus.

Michael Bless im Sägemehl

Michael Bless bringt im Schlussgang des Nordwestschweizerischen 2016 Bruno Gisler temporär aus dem Gleichgewicht. Der Kampf endet mit einem «Gestellten».

Ein «Versicherungsheini» wollte Michael Bless eigentlich nie werden. Der Appenzeller Spitzenschwinger war Filialleiter einer Metzgerei in Gais, musste seinen Job aber vor drei Jahren wegen Arthrose in den Fingern an den Nagel hängen. In seiner Stammbeiz legte er dann unverhofft die Basis zu seinem Berufswechsel: Ein Versicherungsberater der Mobiliar machte ihm eine Art Schnupperwoche auf der GA AusserRhoden schmackhaft. Bless sagte zu. «Ich musste die Klischées rasch revidieren», erzählt der 30-Jährige heute. «Die Arbeit ist sehr abwechslungsreich und interessant.» Und weil die Chemie zwischen ihm und Generalagent Adrian Künzli auf Anhieb stimmte, war der Entschluss schnell gefasst. Michael Bless hatte einen neuen Job. 

Sonntagsbraten und Versicherungsfragen

Seit über zwei Jahren verkauft Bless seinen Kunden Versicherungen statt Koteletts. Die Umstellung fiel ihm zu Beginn schwer. «Ich stand mir auch selbst im Weg. Ich hatte zunächst Bedenken, dass die Leute immer noch den Metzger in mir sehen. Die Kompetenzvermutung war halt eine andere.» Früher habe er Hausfrauen bei ihrem Sonntagsbraten beraten, nun plötzlich in Versicherungsfragen. «Ich habe aber schnell vergessen, dass ich einmal Metzger war.» Seine Kunden auch. Bless überzeugte sie rasch von seinen neuen Kompetenzen.

Der 68fache Kranzgewinner ist eines der Aushängeschilder der Appenzeller Schwingerszene. Seine Bekanntheit sei beruflich zwar kein Nachteil. «Ich komme schneller mit den Leuten ins Gespräch, weil man mich im Dorf halt schon kannte.» Einen Promi-Bonus gebe es aber nicht. «Es ist nicht so, dass mich die Leute anrufen und unbedingt eine Versicherung von mir wollen.»

Das Nebeneinander von Spitzensport und Beruf setzt ein straffes Zeitmanagement voraus. Michael Bless arbeitet auch im Jahr des «Eidgenössischen» (26. - 28. August in Estavayer) vollzeit. So kommt es vor, dass Bless bei seiner Ankunft im Büro um 8 Uhr bereits ein Krafttraining hinter sich hat.

Drohendes Karriereende

Letztes Jahr drohte seine Schwingerkarriere abrupt zu enden: Ein Bandscheibenvorfall machte eine Rückenoperation notwendig. Bless verpasste die gesamte Saison 2015 und begann an seiner Zukunft als Spitzenschwinger zu zweifeln. «Mein Arzt riet mir zu Geduld und gab mir neue Zuversicht.» Der Verzicht auf ein überstürztes Comeback hat sich gelohnt. Michael Bless kam nach der langen Pause gestärkt zurück. Seine Saisonbilanz kann sich sehen lassen: Sieg am Bern-Jurassischen, Rang 2 am Appenzeller Kantonalfest und Schlussgangteilnahme am Nordwestschweizerischen.

Am «Eidgenössischen» werden die Trauben etwas höher hängen. Für Estavayer2016 hat sich Bless den Gewinn des dritten eidgenössischen Kranzes vorgenommen. Dieses Kunststück gelang ihm bereits 2010 in Frauenfeld (Rang 5) und vor drei Jahren in Burgdorf (Rang 12). In Frauenfeld legte er unter anderem einen gewissen Matthias Sempach auf den Rücken.

Tattoos und Schlangen

Michael Bless sorgt auf dem Schwingplatz nicht nur mit guten Leistungen für Aufsehen. Auch seine Tätowierungen fallen auf. «Sie erinnern mich an Geschichten aus meinem Leben», sagt Bless, der seine Tattoos als eine Art Tagebuch betrachtet. Als Andenken an sein erstes eidgenössisches Eichenlaub liess er sich zum Beispiel «Frauenfeld 2010» stechen. Der Säntis, das Ausserrhoder Kantonswappen und eine Schlange sind weitere Sujets, die seinen muskulösen Körper zieren. Auch die Schlange kommt nicht von ungefähr: Bless und seine Frau Andrea besitzen zwölf Königspythons. «Reptilien haben mich schon immer fasziniert.» Die Faszination konservativer Kreise im Eidgenössischen Schwingerverband hält sich dagegen in Grenzen. Sie rümpfen die Nase über Bless‘ Faible für Tätowierungen und haben ihn auch schon öffentlich dafür kritisiert. «Wenn der Verband keine anderen Sorgen hat, geht es ihm wirklich gut», meint Bless, den solche Kritik kalt lässt.

Die Sache mit der Werbung

Der Schwingsport ist mit vielen Traditionen behaftet. Werbung etwa hat auf dem Schwingplatz nach wie vor nichts verloren, was auch Bless begrüsst. Er ist aber froh, wurde das strikte Verbot von Einzelsponsorings neben dem Platz mittlerweile aufgehoben. «Die Schwinger sollen für ihren Aufwand entschädigt werden», sagt Bless, der zufrieden ist, wenn er seine «Jahresrechnung» ohne Verlust abschliessen kann. 10 Prozent der Sponsoringeinnahmen müssen die Sportler dem Verband abtreten, der diese Mittel für die Nachwuchsförderung einsetzt. Dieser Grundgedanke gefällt Bless. «Ich sehe nur leider etwas wenig davon und würde das Geld lieber meinem Klub geben. So wüsste ich, was damit gemacht wird.»

Apropos Werbung: Die Schwingerzeitung «Schlussgang» hat kürzlich einen Werbespot mit Michael Bless aus dem Jahr 2013 ausgegraben. Hoffentlich hat sich das Training gelohnt…

Michael Bless mit den Mobiliar Bärenmaskottchen Lutz und Mutz.