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die Mobiliar

Mensch und Maschine

Interview mit dem digitalen Vordenker Joël Luc Cachelin

Der digitale Wandel regt unsere Fantasie an, er verbessert unsere Beziehungen und die Gesundheit. Das sagt der Digitalisierungsexperte Joël Luc Cachelin. Vorausgesetzt, wir reflektieren darüber. Dafür seien neben Vernetzung auch Alleinsein und Stille nötig.

Ihr neustes Buch heisst «Internetgott – die Religion des Silicon Valley». Sind Sie ein Digitalisierungskritiker?
Ich bin ein grosser Digitalisierungsfan und gleichzeitig auch -skeptiker – oft auch in einer vermittelnden Diplomatenrolle zwischen diesen beiden Lagern. Die Digitalisierung bringt viele Chancen und birgt gleichzeitig Gefahren. So könnte unsere Gesellschaft auseinanderbrechen, wenn nur ein Teil davon in der Lage ist, die Digitalisierung zu nutzen und die anderen einfach abgehängt werden. Die Digitalisierung führt auch zu einer Machtkonzentration: Wohin fliessen unsere Daten? Was passiert, wenn die digitalen Konzerne immer grösser werden – im Extremszenario sogar zu eigenen Staaten? Eine Art Google-Staat oder Facebook-Staat. Es gibt ja bereits eigene Kryptowährungen. Das muss aber noch lange nicht heissen, dass sie zu bösen, autoritären Staaten werden, die ihre Macht missbrauchen. Vielleicht würden sie gar demokratischer funktionieren und feinfühliger mit Minderheiten umgehen als viele heutige Staaten …

Wo's neue Risiken gibt, entstehen auch neue Geschäftsfelder für Versicherer.

Die omnipräsenten Begriffe Digitalisierung und Agilität stossen manche ab. Wozu der ganze Hype?
Wenn Unternehmen sich nicht verändern, sterben sie. Sie gehen ein, werden aufgekauft. Deshalb müssen sie sich neu erfinden: Welche Arbeitsräume benötigen wir? Welche Mitarbeitenden? Welche Führung? Hier gibt es viel Potenzial. Mehr Daten bringen auch mehr Möglichkeiten. Und neue Arten, mit den Kunden zu kommunizieren. Viele Unternehmen gehen noch von einem veralteten Menschenbild aus; die Digitalisierung erfordert hingegen mehr Kreativität, Freiheit, Unabhängigkeit, Mobilität, Vernetzung, Flexibilität und Transparenz.

Welche Chancen eröffnet der digitale Wandel den Versicherern?
Der digitale Wandel bringt Unsicherheit und neue Risiken mit sich. Wo es neue Risiken gibt, entstehen auch neue Geschäftsfelder für Versicherer. Die Kunden wollen sich absichern. Etwa mit einer Cyberversicherung. Gleichzeitig bringt die Digitalisierung auch viel frischen Wind in Traditionsunternehmen. Es kann auch eine Chance sein, wenn sie sich in einer Art Frühlingsputz von alten Zöpfen befreien.

Hand in Hand mit Kunst: «Kreativität und Beziehungen werden unsere wichtigsten künftigen Ressourcen sein», sagt Joël Luc Cachelin, der sich eher als Beschreiber der Gegenwart, denn als Zukunftsforscher sieht.

Woran denken Sie?
Ich gehe davon aus, dass unsere wichtigsten künftigen Ressourcen die Kreativität und unsere Beziehungen zu andern Menschen sein werden. Zu viele administrative Instrumente und Formulare wirken hemmend – etwa bei Qualifikationsgesprächen, Stellenbeschreibungen oder der Zeiterfassung.

Versicherer bangen vor Hightech-Riesen wie Amazon …
Hightech-Konzerne sind über die Smartphones besser im Alltag der Menschen verankert. Unter den zehn wichtigsten Apps gibt es keine Versicherungs-Apps. Die Gefahr besteht, dass Hightech-Riesen überall sogenannte Klick-Versicherungen anhängen. So können Kunden etwa bei der Automiete mit einem Klick eine Versicherung abschliessen. Auch der neue Umgang mit Eigentum – die Sharing-Economy – hat Einfluss auf die Versicherungswirtschaft. Versicherer sind sich noch wenig gewohnt, Daten als Ressourcen zu nutzen.

Die Grenzen zwischen Firmen verschwinden.

Die Mobiliar investiert viel in moderne Räume, Infrastruktur und Weiterbildung. Wo sehen Sie noch Bedarf?
Die physische Arbeitsumgebung scheint mir hochwertig und überlegt umgesetzt. Ich rechne damit, dass im nächsten Schritt Unternehmen zu Ökosystemen zusammenwachsen werden. Die Mobiliar ist dabei, ihr Ökosystem zu finden. Künftig werden sie Fragen beschäftigen, wie: Mit welchen Firmen werden wir Maschinen, Tätigkeiten und Leute teilen? Wer mit wem? Die Grenzen zwischen Unternehmen verschwinden. Partnerschaften werden sich auch im Arbeitsalltag zeigen. Corporate-Gebäude verlieren an Bedeutung, Co-Workings werden wichtiger.

Wir fürchten, dass Maschinen uns ersetzen. Es gibt aber auch neue Jobs …
Repetitive, wenig kreative Jobs, die keinen eigentlichen Beitrag oder Gefühle des Menschen benötigen, können gut von Maschinen ersetzt werden. Stark verändern wird sich die Administration, etwa die Sachbearbeitung, die Buchhaltung, das Controlling oder Teile des Verkaufs. Neue Jobs gibt es überall dort, wo es um Daten geht und neue Risiken entstehen. Auch Mega-Trends wie der demographische Wandel und Ökologie sorgen für neue Jobs. Wie gehen wir mit einer alternden, noch sehr aktiven Gesellschaft um? Da entstehen neue Märkte. Maschinen altern nicht. Sie können zwar Gefühle lesen, aber nicht nachfühlen. Kreative Ansätze und Fantasie sind auch beim Wohnen und im Städtebau nötig. Und natürlich in unserem Umgang mit Rohstoffen und der Natur. Wo eigenes Denken, Selbstreflexion, Kreativität oder Empathie gefragt sind, können Maschinen uns kaum ersetzen.

Wo eigenes Denken, Kreativität oder Empathie gefragt sind, werden Maschinen uns kaum ersetzen.

IT-Jobs wandern ins Ausland ab, weil wir hier keine Spezialisten finden. Sind die Schweizer Digitalisierungsmuffel?
Jein. Wir haben eine gute digitale Basisinfrastruktur mit 4G und Glasfaseranschlüssen in den Städten. Der Ausbau auf 5G bringt neue Fragen und damit politische Hürden mit sich – etwa zu Finanzierung und Strahlenbelastung. Weniger gut sind wir mit E-Commerce. Die Schweiz ist noch bargeldlastig. Es gibt aber nicht nur technische Herausforderungen. Die Schweiz hat in hohen Sphären der Wirtschaft ein Diversitätsproblem, etwa bei Verwaltungsräten. Es fehlt an Frauen und jungen Menschen. Dieses Manko besteht auch in Geschäftsleitungen, was wiederum Führungsstil und Unternehmenskultur prägen – kaum in Richtung Agilität.

Arbeitskräfte müssen sich neuen Anforderungen anpassen – haben Sie Tipps?
Es bleibt wichtig, sich auf fachlicher Ebene weiterzubilden und sich mit anderen Menschen und anderen Unternehmen zu vernetzen. Wir müssen aber Weiterbildung anders denken. Wichtig sind nicht alleine fachliche Kompetenzen, sondern auch die Ebene der Selbstreflexion: Sie ist individuell und kann beim Yoga, auf Spaziergängen oder beim Reisen passieren. Wir benötigen nicht alleine Vernetzung, sondern auch Alleinsein und Stille zum Verarbeiten. Weiterbildung kann auch heissen, einmal unbezahlten Urlaub zu nehmen oder eine Lernreise zu machen.

Auch Yoga oder Reisen können weiterbilden.

Was passiert mit Leuten, die nicht mehr mithalten können?
Das ist eine der grossen gesellschaftspolitischen Fragen unserer Zeit. Von Unternehmen erfordert sie Mut, in neue Rollen zu investieren und von der Gesellschaft Reformen und soziale Innovation. Eine Frage ist, was Arbeit überhaupt bedeutet. Erwerbsarbeit mag im heutigen System abnehmen. So lange es Menschen gibt, wird es aber Probleme und Veränderungen geben, die unsere Kreativität und unseren Erfindergeist erfordern. Und wir werden uns auch in Zukunft situativ nach einem einfachen oder intensiven Leben sehnen. Ergänzend wiederhole ich die Bedeutung des demographischen Wandels und der Nachhaltigkeit. Da entstehen Probleme, die sich mit Technologie alleine nicht lösen lassen.

Macht uns die Digitalisierung krank?
Nein, per se sicher nicht. Ein falscher Umgang hingegen schon. Die Digitalisierung macht uns dann krank, wenn wir sie nicht reflektieren. Wenn wir unser Smartphone nicht mehr ausschalten können und noch mit ins Bett nehmen. Deshalb ist es wichtig, sich selber zu beobachten. Was tut uns gut? Wie sehen unsere Begegnungen mit anderen Menschen aus? Können wir noch ein Gespräch führen, ohne immer auf unser Smartphone zu schauen? Ich habe die Hoffnung, dass die Digitalisierung auch unsere Fantasie anregt, unsere Beziehungen und unsere Gesundheit verbessert.

Welche Technologien prägen unsere Zukunft?
Das Internet der Dinge wird zum Internet of everything. Dabei sind nicht nur Computer, Laptops, Tablets und Smartphones miteinander verbunden, sondern auch intelligente Maschinen. Das Smartphone hat für einen riesigen Schub gesorgt. Die Frage ist, welches Interface als Nächstes kommt. Künftig könnten uns eine intelligente Brille oder Kontaktlinsen alle Informationen liefern, die wir heute auf dem Smartphone erhalten. Oder ein intelligenter Fingerring, der zum Beispiel Türen öffnet, uns sagt, wann der nächste Zug fährt oder sogar als Projektor Bildschirme ersetzt. Der Trend geht auch in Richtung Stimme, ähnlich wie heute Siri. Viele Technologien wären heute schon bereit. Vielleicht benötigen wir Menschen einfach noch etwas Zeit, um bisherige Entwicklungen zu verarbeiten.