Vom Stoff zur Dopingprobe

Seit 150 Jahren erfindet sich die Berlinger Gruppe immer wieder neu. In sechster Generation leiten Andrea Berlinger Schwyter und Daniel Schwyter das Technologieunternehmen, das ursprünglich Stoffe hergestellt hat. Mit Leidenschaft und dem Wissen, dass Krisen Chancen sein können.

Zügig greift der Arm einen Kunststoffdeckel und setzt ihn auf die Glasflasche. Wieder und wieder, ganz ruhig. Müde wird er nicht dabei, der gelbe Roboterarm. «Mein Urururgrossvater würde staunen», sagt Andrea Berlinger Schwyter, CEO der Berlinger Gruppe in Ganterschwil. Neben der Landi, am Dorfrand, mit Sicht auf die Toggenburger Hügel, steht die vor zwei Jahren fertiggestellte Fabrikationshalle des Familienbetriebs.

Innovation hat Tradition

Jeder Spitzensportler kennt die Fläschchen, die hier produziert werden: das rote für die A-, das blaue für die B-Probe der Dopingkontrolle. Johann Jakob Berlinger, der Urururgrossvater, hatte das Unternehmen 1865 gegründet. Produziert wurde damals etwas ganz anderes: Berlinger war die erste Baumwollweberei der Region. Sie exportierte Stoffe bis nach Karatschi und Bombay. Rund 100 Leute aus der ganzen Region arbeiteten damals für sie.

«Die Tradition ist ein Privileg», sagt Andrea Berlinger Schwyter (48). In der getäferten Stube erzählen sie und ihr Mann Daniel Schwyter (52), wie aus der Weberei ein spezialisiertes Technologieunternehmen wurde. Tradition trifft auf Innovation ist hier keine Phrase. Die Stube ist das Sitzungszimmer im 150-jährigen Verwaltungsgebäude der Berlinger Gruppe. An der Wand hängen Ölbilder, Aquarelle und Fotografien – Porträts der früheren Generationen: mit Schnauz und sanftem Blick Gründer Johann Jakob, streng und in Militäruniform sein Sohn Johann Georg, der auch Oberstkorpskommandant und Nationalrat war. Daneben rund ein Dutzend anderer Berlinger, auch ein paar Frauen. Und dann ist da Ulrich. Er hat Ende des 19. Jahrhunderts die Filiale in Manchester geführt und der Legende nach jede Woche Post aus der alten Heimat erhalten: eine Bratwurst.

Innovation als Tradition - Berlinger & Co. AG im Wandel

Die Katastrophe als Chance

Auslöser für einen frühen Innovationsschritt von Berlinger war ausgerechnet eine Katastrophe: Die Weberei brannte 1902 bis auf die Grundmauern nieder. Andrea Berlingers Vorfahren mussten den Wiederaufbau in der Zeit des Ersten Weltkriegs und der Weltwirtschaftskrise bewältigen – versichert waren sie nicht. «Das geht nur mit neuen Ideen», sagt Andrea Berlinger Schwyter. Sie weiss, wovon sie spricht. Es sollte nicht die letzte Krise des Unternehmens bleiben.

Nach dem Brand konnte die Weberei kaum noch produzieren. Die Fabrik musste zuerst wiederaufgebaut werden. Deshalb stieg Berlinger in den Handel mit Stoffen ein. Das Porträt von Jakob «Jack» Berlinger mit Turban im Stil von Lawrence von Arabien erinnert an diese Zeit, in der die Firma Textilhandel mit der ganzen Welt betrieb.

Impfungen sicher transportieren

Der Handel um den Globus ist geblieben. Die Textilien hingegen sind dem Zusammenbruch der Textilindustrie und den neuen Ideen der Familie zum Opfer gefallen. «Im Nachhinein betrachtet war der Brand eine Chance», sagt Andrea Berlinger Schwyter. Das Unglück hat den Mut zu Neuem gefördert, den Innovationsgeist der Familie gestärkt, der sich durch alle Generationen zieht.

Es kamen Erfindungen dazu, etwa das allen Hobbynähern und Schneiderinnen bekannte Schrägband oder später Klettverschlüsse. Heute ist das stärkste Standbein von Berlinger die Temperaturüberwachung. Mit den kleinen, elektronischen Geräten können beispielsweise Medikamente und Lebensmittel überwacht transportiert werden: Das Gerät prüft, ob eine Sendung innerhalb eines geforderten Temperaturbereichs unterwegs war. Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO und das Kinderhilfswerk Unicef sind mit ihren Impfprojekten Abnehmer davon. Die Fläschchen für die Dopingproben machen den kleineren Teil von Berlingers Wertschöpfung aus.

Aus der Textilproduktion ist Berlinger erst 2014 ganz ausgestiegen. «Es hatte keine Zukunft», sagt Andrea Berlinger Schwyter. «Der Niedergang der Schweizer Textilindustrie erfüllt mich mit Wehmut.» In den 1990er-Jahren hatte sie noch daran geglaubt und die Textilfachschule besucht. Wie kommt man von Textilien zu Temperaturüberwachung? «Indem wir gut zuhören », sagt Andrea Berlinger Schwyter. Auslöser war damals die Firma 3M, für die Berlinger Aufträge erledigte. Einige ihrer Produkte mussten innerhalb eines bestimmten Temperaturbereichs transportiert werden. «Heute ist es gleich mit den Innovationen, sie ergeben sich aus einem Bedürfnis», sagt Daniel Schwyter, der das Unternehmen 2008 mit seiner Frau übernommen hat.

Tüfteln mit Spielgeld

Die beiden teilen nicht nur die Führung des Unternehmens, sondern auch die Leidenschaft für ihre Arbeit. «Wir sprechen viel übers Geschäft, auch zu Hause», sagt Daniel Schwyter, der ursprünglich aus dem Bankgeschäft kommt. Und dann kommt der Satz, der den Antrieb der Berlingers erklärt, immer wieder Neues zu finden und weiterzumachen, auch wenn es schwierig wird: «Es muss Spass machen!» Damit dieser nicht zu kurz kommt, hat das Unternehmen ein besonderes Budget. Daniel Schwyter nennt es Playmoney, Spielgeld. Verprasst wird aber nichts. «Damit probieren wir aus, tüfteln an Innovationen.» Das dürfe auch mal schiefgehen.

Entwicklungen dauern lange. Deshalb müssten sie weit vorausschauen und vorausahnen, was in einigen Jahren gefragt sein wird. «Wir beschäftigen uns dabei besonders mit der Industrie 4.0», sagt Daniel Schwyter. Und meint damit die Verknüpfung der industriellen Produktion mit modernster Informationstechnik.

Dass sie beide keine Elektroingenieure sind, erachten sie nicht als Nachteil, obwohl das Unternehmen am meisten Geld mit elektronischer Temperaturüberwachung verdient. «Manchmal stelle ich halt blöde Fragen, das stört mich nicht», sagt Andrea Berlinger Schwyter. Ein Produkt müsse simpel erklärt werden können. Erst so kann es die Kunden überzeugen. «Wir stellen uns als Dummies zur Verfügung», sagt Daniel Schwyter. «Sie ist die Aussenministerin, ich bin fürs Interne zuständig», erklärt er. Etwa für Finanzen und Personal, knapp 100 Mitarbeitende. An jedem Bewerbungsgespräch sind beide dabei. «Wir wollen Leute, die nicht nur von den Fähigkeiten her, sondern auch charakterlich zu uns passen.» Auch die Köchin, die jeden Mittag für die Belegschaft kocht, haben sie mitausgewählt.

Maschinenkauf mit Hindernissen

Andrea Berlinger Schwyter ist oft unterwegs, vor allem in Asien und Europa. Schon ihre Eltern und sogar die Grosseltern hatten den Betrieb teilweise gemeinsam geführt. Dass eine Frau eine Maschine kauft, war in der Branche 1967 allerdings noch unüblich: Als Andrea Berlingers Mutter an der Maschinenbaumesse Basel die passende Textilmaschine gefunden hatte, musste ihr Mann nachreisen und den Kauf unter Dach und Fach bringen. Die Verkäufer mochten nicht glauben, dass die Frau des Direktors eine solche Entscheidung allein treffen kann. «Solche Erfahrungen muss ich heute zum Glück nicht mehr machen», sagt Andrea Berlinger Schwyter.

Folgt nach der sechsten die siebte Generation? «Wer weiss», sagt Andrea Berlinger Schwyter. Sohn Noah und Tochter Linda, 17 und 14 Jahre alt, reden jedenfalls schon heute gern mit. Und verdienen sich während der Ferien zusätzliches Taschengeld in der Fabrik. «Ihnen ist nicht egal, was wir machen.» Sicher ist: Berlinger wird nicht stehenbleiben.

Autorin: Patricia Blättler
Fotograf: Michael Mey

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