Charlie Chaplin berührt die Herzen mit dem Stock

Chaplin’s World – ein Publikumsmagnet in Corsier-sur-Vevey

Chaplin-Fans aus aller Welt strömen in Scharen nach Corsier-sur-Vevey. Der letzte Wohnsitz des 1977 verstorbenen Komikers und Filmstars wurde zum wohl modernsten multimedialen Museum ausgebaut. Da wird grosses Kino gezeigt.

Eugene Anthony Chaplin (63) setzt sich neben seinen Vater Charlie Chaplin, legt ihm liebevoll seinen Arm über die Schulter und lächelt seiner Mutter Oona Chaplin zu. Seine Eltern sind zwar längst tot, doch in Chaplin’s World haben sie als Wachsfiguren ein ewiges Leben.

Eugene ists recht. Nach einer spannenden Karriere als Regisseur, Filmer und zuletzt künstlerischem Direktor des Zirkus Nock ist er es gewohnt, als «fils à papa» angesprochen zu werden. Mit fünf Schwestern und zwei Brüdern wuchs er in Corsier-sur- Vevey auf dem wunderschönen Landsitz Manoir de Ban auf. Es war die vierte Ehe von Charlie Chaplin, der die 18-jährige Oona O’Neill, Tochter des amerikanischen Schriftstellers Eugene O’Neill, im Alter von 54 Jahren heiratete. Chaplin war den Frauen nicht nur im Film sehr zugetan.

Der Besuch beginnt mit einem rund 10-minütigen Querschnitt durch das reichhaltige Schaffen Chaplins. Dann hebt sich die Leinwand und gibt den Weg frei auf die Londoner Easy Street, welche so echt nachgebildet ist, dass man die Armut, den Dreck und die Hoffnungslosigkeit des Londoner Geburtsquartiers von Chaplin nicht nur sehen und hören, sondern förmlich riechen kann.

33 Wachsfiguren beleben das Museum

Die Ausstellung verblüfft an jeder Ecke: überall integrierte Bildschirme, auf denen bekannte und nie gesehene Szenen aus allen Epochen laufen, verblüffend ist auch die hervorragende Bildqualität der Stummfilmausschnitte.

Wer hier durch die Strassen Londons bummelt, die Chaplin Studios in Los Angeles besucht, die Polizeiwache, das schräge Restaurant, das Gefängnis, aus dem man ausbrechen kann, der stellt schnell fest, was Chaplin meisterhaft kann: Auch ein 20-Sekunden-Ausschnitt reicht, um die Story zu begreifen. Chaplin bringt sich immer in Schwierigkeiten, um dann mit grosser Mühe, Schlauheit, Charme und Hinterhältigkeit mindestens seine Würde zu retten.

«Mein Vater war ein grosser Humanist, auch ein Pazifist», erklärt Eugene Chaplin. «Er hat auf seine Art das ganze bewegende 20. Jahrhundert mit zwei Weltkriegen, den wirtschaftlichen Krisen und der grossen Armut begleitet und kommentiert.»

Der Gang durch Chaplin’s World benötigt Zeit, viel Zeit, nicht nur der wunderbaren Filme wegen. Mit grosser Liebe zum Detail werden unzählige Szenen aus seinen grossen Filmen nachgestellt, plastisch, dreidimensional, sodass man sich als Besucher gleich in die Szene integrieren kann.

Der Gang mit Eugene Chaplin durch das Haus seiner Jugend und das Leben seines Vaters machen einem diesen ersten Hollywood- Star, der nie einer sein wollte, begreifbar.

«Leute zum Weinen zu bringen, ist nicht schwer, Leute zum Lachen zu bringen, allerdings sehr.» Sein Lächeln zaubert Eugene diesen unvergesslichen Chaplin- Ausdruck ins Gesicht, an dem man alle Mitglieder dieses grossen Clans sofort erkennt.

Chaplin kämpfte mit Charme, Herz und Humor

Das Lachen kann einem bei Chaplin auch gefrieren. Im Film «The Great Dictator», zum Beispiel, den er als Persiflage auf Hitler 1940 produzierte. Charlie Chaplin war Allmacht immer suspekt, ob sie nun von einflussreichen Männern gegen Schwächere, von Polizisten gegen Bürger oder von Soldaten gegen andere Soldaten ausgeübt wurde. Seine Waffe war die ironische Überhöhung, der gewaltlose Angriff mit Charme, Herz und Humor. Oft verlor David gegen Goliath, aber es war ja nur im Film, wo der Verlierer auch der Sieger sein kann.

Die leicht lesbaren Botschaften Chaplins kommen auch bei jungen Leuten sehr gut an. Seine Filme werden wieder Kult, sie sind dank ihrer Bildsprache auch auf Tablets und Smartphones verständlich. Über eine Million Follower habe die Facebook-Seite von Charlie Chaplin, bemerkt Annick Barbezat, die Kommunikationschefin in Corsier-sur-Vevey, mit Stolz.

Nach einer Europareise wurde Chaplin 1952 die Wiedereinreise in die USA versagt. Grund: Er sei ein Kommunistenfreund! Notabene nachdem Chaplin fast 40 Jahre lang in Los Angeles die amerikanische Filmwelt entscheidend mitgeprägt hatte. Den amerikanischen Pass hatte der Weltbürger Chaplin immer verschmäht, er blieb zeitlebens Brite. So liess sich Chaplin für den letzten Lebensabschnitt in der Schweiz nieder.

15 Jahre hat die Familie Chaplin mit den Initianten des Projekts, dem Schweizer Philippe Meylan und dem Kanadier Yves Durand, an Chaplin’s World gefeilt. Die Ausdauer hat sich gelohnt. Die Investoren aus Luxemburg dürften sich angesichts des ungebremsten Ansturms auf das Museum gewiss sein, dass sie ihre 60 Millionen Franken zu einem guten Zins angelegt haben.

Autor: Peter Marthaler
Fotografin: Tabea Reusser

Chaplin’s World

Chaplin’s World wurde mit einem Aufwand von 60 Millionen Franken auf dem Anwesen Manoir de Ban in Corsier-sur- Vevey errichtet. Charlie Chaplin lebte mit seiner vierten Frau Oona und den acht Kindern von 1952 bis zu seinem Tod am Weihnachtstag 1977 dort.

In der wunderbar renovierten Villa Manoir de Ban ist der Alltag der Familie Chaplin nachgestellt, mit Hunderten von Originalgegenständen, Bildern und natürlich auch Filmen. Ein grosser neugebauter Studiotrakt zeigt diverse Filmsets und nachgebaute Szenen mit vielen lebensechten Wachsfiguren. Grossen Wert legten die Macher auf das interaktive Element: «Anfassen erlaubt», ist die Devise.

Chaplin’s World ist 365 Tage im Jahr geöffnet, alle Informationen finden sich unter chaplinsworld.com

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