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Studenten sind leichter zu finden als die Liebe

Sie sind ein Liebespaar, haben drei Kinder und leben in zwei verschiedenen Wohnungen. Der Autor Christoph Simon und die Biologin Theres Buchwalder haben sich für ein Wohnmodell entschieden, welches lebenslange Liebe möglich machen soll.

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Christoph Simon ist zu Besuch bei seiner Partnerin Theres Buchwalder. Die beiden teilen die Liebe, aber nicht die Wohnung.

Christoph Simon ist Gewinner des Salzburger Stiers 2018 und zweifacher Schweizer Meister im Poetry Slam (2014 und 2015). Seine Romane und Texte sind in neun Sprachen übersetzt und mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet worden. Zurzeit ist er unterwegs mit seinem Solo-Bühnenprogrammen Zweite Chance und Der Richtige für fast alles.

Theres Buchwalder ist Biologin und arbeitet für den Schweizer Tierschutz STS. Sie ist Bereichsverantwortliche für die Zertifizierung von Tiertransporten und Schlachtungen.

Neulich im Länggasse-Quartier in Bern. Im Garten eines wunderschönen Stadthauses sitzen Christoph Simon (47) und seine Gefährtin Theres Buchwalder (49) im Schatten eines Baumes und trinken Kaffee. Die Kinder sind auch zu Hause. Es sind Schulferien. Eine ganz normale Familie also? Nicht ganz. Nach dem Kaffee wird Christoph Simon in seine WG gehen und wahrscheinlich schreiben. Vielleicht eine Episode aus dem Familienleben. Für das nächste Bühnenprogramm. Das Paar hat von Anfang an entschieden, die Liebe zu teilen, aber nicht die eigenen vier Wände. Sie lebt mit den drei Kindern im Haus, das sie von ihrem Onkel geerbt hat, und er nur einen Steinwurf entfernt in einer WG.

Wir wären heute kein Paar mehr, wenn wir zusammenwohnen würden.
Christoph Simon

«Wer sagt denn, dass man zusammenwohnen muss?»

Als der Schriftsteller sich in die Biologin verliebt, kann er sich sofort vorstellen, Kinder mit ihr zu haben. Nur der Gedanke an das Zusammenwohnen bereitet ihm Bauchschmerzen. Seine Gefährtin, wie er sie nennt, hat eine einfache Lösung. «Es gibt kein Gesetz, das uns verpflichtet zu heiraten oder zusammenzuwohnen», meint sie. Sie könnten auch einfach weitermachen wie bisher. Zwei Wohnungen, eine Liebe plus ein Kind. «Wir sind so verschieden, gerade beim Wohnen, das hätte viel zu viel Konfliktpotenzial», sagt Buchwalder. Sie wären heute kein Paar mehr, wenn sie zusammengewohnt hätten, sind sich einig. Denn Wohnen bedeutet dem Schriftsteller nichts, der Biologin hingegen sehr viel. Er brauche nur einen Ort, um zu schreiben, seine Bücher zu stapeln, eine Matratze und einen Raum, in dem drei Kinder nebeneinander schlafen können. Seiner Partnerin hingegen tue es gut, ein schönes Zuhause zu haben. «Und mir tut es gut, hier Gast sein zu können und mich dann zusammenzureissen», sagt Simon. Zudem schmeisse er lieber den nervenden Studenten aus der WG, als sich wegen Streitereien über Alltagsprobleme von der Gefährtin zu trennen. Studenten seien leichter zu finden als die grosse Liebe.

Papi hat ein Puff

Der Lebensmittelpunkt der gemeinsamen Kinder ist das Haus. An ein bis zwei Abenden pro Woche hat Theres Buchwalder frei und die Kinder schlafen in Papis WG. Und dort läuft es anders als bei Mama. «Bei mir gehen auch mal Sachen verloren und es gibt keine seltsam verformten Pro-Spezie-Rara Gemüsesorten», schmunzelt Simon und schaut dabei Theres an. Auch sie lacht. Sie lassen sich sein, wie sie sind. Die gemeinsame Zeit mit der ganzen Familie findet vor allem an Wochenenden statt. Für die Kinder ist das Wohnkonzept der Familie normal. Sie kennen es nicht anders. Sein Sohn Bastian habe kürzlich auf die Frage eines Freundes, ob seine Eltern nicht zusammenwohnen, entgegnet. «Nein, weil Papi immer ein Puff hat.» Die Gefährtin hört diese Episode aus ihrem Familienleben das erste Mal und muss laut lachen.

Zukunftspläne

So unterschiedlich sie sind, so gut funktionieren sie zusammen. Vielleicht weil sie den Wohnalltag, an dem so viele Paare mit Kindern scheitern, nicht teilen müssen. Und weil sie sich gegenseitig nicht ändern wollen. Als sie gestern von einer Fahrradtour nach Hause gekommen sind, ist Christoph Simon direkt in seine WG. Er wollte schreiben. Er musste schreiben. Theres hingegen will dann sofort auspacken, waschen, aufräumen. Beides hat Platz und Raum. Die beiden haben eine Lebensform gefunden, die zu ihnen und den Kindern passt. Und wenn die Kinder aus dem Haus sind? «Dann gründe ich hier im Haus eine Alters-WG, aber wahrscheinlich wieder ohne Christoph», sagt Theres Buchwalder und beide lachen. Sie leben ein Leben, das lebenslange Liebe möglich machen soll.

Text: Olivier Messerli
Bild: Iris Stutz