Hochwasser: Tendenz steigend

Freitag, 14. November 2014

Wie aussergewöhnlich waren die Hochwasser vom Juli 2014? Dieser Frage sind gestern Abend Fachleute der Universität Bern und der Mobiliar im Rahmen des Mobiliar Labs für Naturrisiken in Bern nachgegangen. Fazit: Von der Intensität und der Schadenssumme her war es ein durchschnittliches Hochwasser. Was aber zu denken gibt: Seit 1990 ist in der Schweiz eine Häufung an Hochwassern zu beobachten, mit einer weiteren Zunahme ist tendenziell zu rechnen.

Im Grossen Hörsaal des Geografischen Instituts der Universität Bern blieb kein Sitz- und kein Stehplatz frei: Rund 140 Zuhörerinnen und Zuhörer wollten sich gestern Abend darüber informieren lassen, wie schlimm die Hochwasser vom Juli 2014 waren, wie sie in der Langzeitbetrachtung einzuordnen sind und welche Sicht die Mobiliar als grösster Sachversicherer der Schweiz auf die Hochwasserereignisse hat.

Schäden sollen gar nicht erst entstehen

Nach der Begrüssung durch Prof. Martin Grosjean, Leiter des Oeschger-Zentrums für Klimaforschung an der Universität Bern, betonte Geschäftsleitungsmitglied Bruno Kuhn von der Mobiliar die Wichtigkeit der Prävention. «Am besten ist es, wenn Schäden gar nicht entstehen», sagte der Leiter Versicherungen. Deshalb habe die Mobiliar seit dem ausserordentlichen Hochwasser im Jahr 2005 über 70 Präventionsprojekte in der gan-zen Schweiz unterstützt. «Im Juli 2014 haben wir zum Beispiel in Burgdorf und in Willi-sau gesehen, dass mit Präventionsmassnahmen Schäden verhindert werden können.»

Hochwasser 2014: Schuld war ein «Blocking»

Prof. Olivia Romppainen, Klimafolgenforscherin und Co-Leiterin des Mobiliar Labs für Naturrisiken, zeigte anschliessend auf, welche atmosphärische Konstellation überhaupt zu diesem regenreichen Juli 2014 führen konnte. Schuld war ein so genanntes «Blo-cking»: Über Skandinavien setzte sich ein stabiles Hoch derart fest, dass Tiefdruckge-biete aus Westen nach Süden ausweichen mussten. Leidtragend war unter anderen die Schweiz: Die Wetterkonstellation hielt über Wochen an und führte im Juli an verschie-denen Tagen zu Hochwasserschäden. Gemäss Romppainen lässt sich aus Modellen nicht genau ableiten, ob diese Blocking-Situationen zunehmen werden.

Aus aktuellem Anlass sprach David Volken vom Hochwasserwarndienst des Bundes-amts für Umwelt zur Lage im Tessin, wo auch für am Wochenende Dauerregen erwar-tet wird: Zum ersten Mal in der vierjährigen Geschichte des neuen Messsystems sei für ein Gewässer – den Lago Maggiore – die höchste Warnstufe 5 erreicht worden.

Starke Schwankungen zwischen sehr trocken und sehr nass seit 1990

Prof. Rolf Weingartner, Hydrologe und Co-Leiter des Mobiliar Labs für Naturrisiken, stellte klar, dass die Juli-Hochwasser mit Blick auf die letzten 30 Jahre von der Intensität her keine aussergewöhnlichen waren. Bemerkenswert war aber die Dauer: Zwischen dem 6. Juli und dem 15. August hat der Bund für das Berner Oberland an 29 Tagen eine Warnung herausgegeben. Weingartner zeigte anhand des Beispiels Kander, dass es in den letzten 30 Jahren drei Hochwasser gab, welche eine Jährlichkeit von 100 und mehr Jahren haben. Zwar habe es in den vergangenen 2000 Jahren immer wieder Perioden gegeben, in denen Hochwasser häufiger gewesen seien. Doch nun gebe es noch den Faktor Klimawandel: «Tendenziell müssen wir annehmen, dass in Zukunft die Hochwasser in der Schweiz eher zunehmen und damit Hochwasser wie im Juli 2014 häufiger werden.»

Ergänzungsbedarf bei den Gefahrenkarten?

Matthias Künzler, Leiter Naturgefahren bei der Mobiliar und Co-Leiter des Mobiliar Labs, sprach anschliessend über die Schadenssumme und die Verteilung der Schäden, welche durch die Juli-Hochwasser verursacht wurden. «Rein aus Sicht der Hochwas-serschäden war 2014 ein normales Jahr», sagte er. Der Schaden-Hotspot im Juli sei nicht etwa Bumbach im Emmental gewesen, sondern Altstätten im Kanton St. Gallen. Erstaunlich: Schweizweit ereigneten sich 50 Prozent der Schäden an Orten, die gemäss der Gefahrenkarte in der Zone ohne Gefährdung liegen, also in der weissen Zone. Matthias Künzler stellte deshalb die Frage: «Haben wir mit der Gefahrenkarte den vollen Durchblick oder besteht ein Ergänzungsbedarf?»

Entlastungsstollen Thun: Nutzen unter Beweis gestellt

Das letzte Referat der Veranstaltung hielt Bernhard Schudel, Leiter Gewässerregulie-rung im Kanton Bern. Sein Fokus lag auf dem Thunersee. Vor dem Bau des Entlas-tungsstollens Thun im Jahr 2009 haben man das Prinzip der nachgelagerten Regulie-rung angewandt: Regulierung erst dann, wenn die Seen zu steigen begannen. Dank dem neuen Stollen könne man nun vorausschauend regulieren, also aufgrund von Wet-terprognosen den Thunersee präventiv leicht absenken. Bei Extremhochwassern könne man auf diese Weise den Seepegel um bis zu 40 cm senken, bei mittleren Hochwas-sern um bis zu 20 cm – so geschehen bei den Hochwassern im Juli 2014.

Kontakt für Medienanfragen:

Die Mobiliar: Medienstelle, 031 389 88 44, media@mobi.ch

Universität Bern: Prof. Dr. Rolf Weingartner, Co-Leiter Mobiliar Lab für Naturrisiken,
079 247 79 47, rolf.weingartner@giub.unibe.ch

Download Schadenbilder:
Altstätten im Kanton St. Gallen war besonders stark vom Juli-Hochwasser betroffen.

Mobiliar Lab für Naturrisiken

Das Mobiliar Lab für Naturrisiken ist eine gemeinsame Forschungsinitiative des Oeschger-Zentrums für Klimaforschung der Universität Bern und der Mobiliar. Die Forschungsschwerpunkte sind Hochwasser, Sturm und Hagel sowie deren Schadenpotenzial. Bei der Hagelforschung arbeitet das Mobiliar Lab eng mit dem Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie MeteoSchweiz zusammen.